Es soll nur eine Gegenstimme gegeben haben. Der 33-Jährige bildet bisher zusammen mit Mona Fuchs die Fraktionsspitze der Grünen. Dominik Krause (33) ist in Moosach aufgewachsen und wohnt jetzt in Giesing. Er hat ein abgeschlossenes Studium der Physik und sitzt seit 2014 im Stadtrat. Als Parteivorsitzender verantwortete er 2019/2020 den Wahlkampf der Münchner Grünen mit Spitzenkandidatin Katrin Habenschaden. Seit 2022 ist er Fraktionschef im Stadtrat.
Krause gehört dem linken Parteiflügel an. Er ist seit Langem aktiv im Bündnis „München ist bunt“. Seine politischen Schwerpunkte liegen auf den Feldern Klimaschutz und Energiewende. Er wäre der erste offen schwule Bürgermeister Münchens, falls er gewählt wird.
Krause sagte am gestrigen Donnerstag, „mit diesem starken Rückhalt traue ich mir zu, die Nachfolge von Katrin Habenschaden anzutreten, die dieses Amt in beispielhafter Weise ausgefüllt hat“. Die Partei hätte sich gewünscht, dass die Bürgermeisterin weitermache und auch als OB-Kandidatin antrete. Aber er könne die Gründe für den Rücktritt nachvollziehen und habe „Hochachtung und Respekt vor diesem Schritt“.
Habenschaden hatte als Grund für ihren Rücktritt angeführt, dass die Belastung durch die öffentliche Rolle Spuren hinterlassen habe. Wie viele grüne Politikerinnen ist sie häufig in den Sozialen Medien Anfeindungen und Häme ausgesetzt. Und das wäre bei einer OB-Kandidatur – sie war noch nicht offiziell nominiert – nicht weniger geworden. Habenschaden ist nicht krank, sonst könnte sie ihren neuen Job bei der Deutschen Bahn gar nicht annehmen. Aber sie zeigte sich offenbar zunehmend genervt von der Verrohung der Sitten im Polit-Zirkus.
Den Wechsel zur Bahn konnte Habenschaden bis zuletzt geheim halten. Denn als die Bürgermeisterin am Mittwoch öffentlich machte, dass sie ihren Job hinschmeißen und am 1. Dezember bei der Bahn beginnen würde, waren alle in der Münchner Stadtpolitik erst einmal perplex. Damit hatte niemand gerechnet. Es ist davon auszugehen, dass sich die Bahn und Habenschaden schon vor einiger Zeit angenähert haben. Dem Vernehmen nach ist die Münchner Bürgermeisterin von einer Führungskraft der Bahn angesprochen worden und soll sich dann in einem Bewerbungsverfahren für den Leitungsposten „Nachhaltigkeit und Umwelt“ durchgesetzt haben.
Ihren neuen Job beginnt sie am 1. Dezember in Berlin, ihr Lebensmittelpunkt bleibt aber in München. Die Familie wird nicht umziehen, Habenschaden ist verheiratet und hat zwei Kinder im Alter von 14 und 17 Jahren. Sie wird nach Berlin mit dem Zug pendeln und im Regelfall von Montag bis Donnerstag dort arbeiten. Die Gehaltsklasse bei der Bahn dürfte eine andere sein, bei der Stadt hat sie rund 150 000 Euro Grundgehalt bekommen.
Dass die 46-Jährige ihren Rückzug von der Politik bis zuletzt unter Verschluss halten konnte, darauf deuten mehrere Indizien hin. So ist aktuell eine Stadtratsdelegation in der schwedischen Hauptstadt Stockholm zu Gast. Bei einer Veranstaltung am Mittwoch sollen dort Mitglieder der Grünen panikartig einer nach dem anderen den Raum verlassen haben. Wenig später war klar, weshalb. Die Nachricht über Habenschadens Rücktritt verbreitete sich wie ein Lauffeuer. Bürgermeisterin Verena Dietl (SPD) soll aus allen schwedischen Wolken gefallen sein.
Unterdessen wurde am Mittwochnachmittag auch auf den Rathaus-Fluren in München hektisch getuschelt. Auch die eigene Stadtratsfraktion der Grünen und OB Dieter Reiter (SPD) wurden erst kurzfristig unterrichtet. Wenig später verschickten Habenschaden und die Bahn beinahe zeitgleich eine Presseerklärung.