Tage, die die Welt verändern

von Redaktion

CHRISTIAN UDE

Man soll Wahlen nicht überschätzen. Meist bleibt alles, wie es war. Oder zumindest zum Verwechseln ähnlich. Sonst wären ja nach jeder Wahl in Stadt, Land und Bund die Mieten gepurzelt, die Renten sprunghaft gestiegen, die Flüchtlinge heimgefahren, der Lehrermangel verschwunden und die Stammstrecke eröffnet worden. Nein, dramatische Veränderungen finden nicht bei den Wahlen statt, sondern hinterher. Bei der brutalstmöglichen Aufklärung über die Wählerwanderungen, bei der schonungslosen Analyse des Wahlverhaltens, bei der selbstzerfleischenden Manöverkritik. Da bleibt den jeweils Verantwortlichen als einziger Trost nur die Gewissheit, alles richtig gemacht zu haben, was im schlimmsten Fall aber der Wähler nicht rechtzeitig gemerkt hat. Der Wählerin wollen wir eine solche Doofheit aber lieber nicht unterstellen. Darf man deshalb die Statements der Parteizentralen gleich zu den Akten legen? Um Himmels willen: Nein!

Manche Erklärung einer Parteispitze lässt aufhorchen, verblüfft, ist wirklich sensationell, hat das Zeug, die Welt zu verändern! Und jetzt, lieber Münchner Merkur, musst Du ganz tapfer sein! Du hast nämlich einen solchen Wandel mitten in unserer Münchner Stadt vollkommen übersehen und verpennt. Was für eine journalistische Blamage! Träumst Du?

Aber die Konkurrenz schläft nicht, wie schon der Volksmund sagt. Die tüchtigen Reporter einer anderen großen seriösen Zeitung haben diese Woche besonders gründlich recherchiert und Unfassbares zutage gefördert: „Die SPD will“, heißt es da doch tatsächlich, „eine alte Sprache neu lernen.“ Donnerwetter, habe ich mir gedacht. Die SPD hat sich ja schon in den 1968ern um eine abgehobene Sprache bemüht, aber gleich Altgriechisch oder Latein wie einst Franz Josef Strauß, der sogar beim Politischen Aschermittwoch in Vilshofen manchem unbotmäßigem Bäuerlein nach einem Zwischenruf entgegenschmetterte: „Si tacuisses, philosophus mansisses!“ Womit er auch dem schlichtesten Niederbayern klarmachte, dass er besser Latein statt Ackerbau und Viehzucht gelernt hätte. Und jetzt springt die geschrumpfte SPD in die Fußstapfen von FJS?

Aber nein, es geht gar nicht um die elitären Bildungsgüter humanistischer Gymnasien, sondern um viel radikaleren Wandel. Im fünfspaltigen Text erfahren wir mehr über die bereits eingeleitete Revolution: Die Münchner Parteispitze „denkt laut darüber nach, wie die Partei künftig mit den Wählerinnen und Wählern kommuniziert, dass es dort auch ankommt und verstanden wird.“

Ja, ist denn der SPD gar nichts mehr heilig? Soll nichts mehr bleiben, wie es ist? Und muss man darüber auch noch laut nachdenken? Dass es jeder mitkriegt, bevor man die Frage, über die nachgedacht werden soll, überhaupt entschieden hat? Und sind die Risiken auch sorgfältig abgewogen worden? Immerhin hat die neue Münchner Zwölf-Prozent-Partei auch in München noch tausende Wähler. Was werden die machen, wenn sie künftig verstehen, was wir vorhaben? Das müsste doch erst einmal sorgfältig geprüft werden! Wie alles nach einer Wahl!

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