„ Wir werden dir niemals verzeihen“

von Redaktion

VON ELKE RICHTER

Mit einem Geständnis, vielen Tränen und emotionalen Wortwechseln hat am Donnerstag vor dem Münchner Amtsgericht ein Prozess um einen tödlichen Raserunfall begonnen. Der 22 Jahre alte Angeklagte räumte zunächst über seine Anwältin ein, einen 18-Jährigen tödlich verletzt zu haben, als er – ohne Führerschein und unter Einfluss von Alkohol und Drogen – auf der Flucht vor der Polizei die Kontrolle über seinen Renault Clio verlor und dieser mit hoher Geschwindigkeit in eine Tram-Haltestelle am Leonrodplatz geschleudert wurde. Laut Staatsanwaltschaft war er 144 Stundenkilometer schnell. Insgesamt wurden fünf Menschen verletzt.

Nachdem der bei dem Vorfall vom Juli ebenfalls schwer verletzte Freund des Getöteten als Zeuge ausgesagt hatte, bat der Angeklagte um das Wort. „Ich würde mein Leben dafür geben, das wieder rückgängig zu machen. Es tut mir unendlich leid, was passiert ist“, sagte er unter Tränen und wünschte dem noch immer psychisch und physisch unter den Folgen Leidenden eine baldige Genesung.

Der 18 Jahre alte Zeuge antwortete ihm mit klarer Stimme und klaren Worten: „Ich werde dir niemals verzeihen, was du getan hast. Wir alle werden dir niemals verzeihen, was du getan hast.“ Der Getötete sei einer seiner besten Freunde gewesen, an dem Abend waren sie auf dem Rückweg vom „Rolling Loud“-Festival in Riem. „Ich hoffe, dass du dich dein Leben lang schlecht fühlst“, sagte er. Unter hörbarem Schluchzen aus dem Zuschauerraum fuhr der junge Mann fort: „Wir wissen beide, dass es allein deine Schuld ist, dass es passiert ist, dass du es hättest verhindern könne. Wir wissen beide, dass du ein Feigling bist.“

„Ich weiß, dass es sehr feige war, und ich weiß, dass ich es am meisten verdient gehabt hätte, an dem Tag zu sterben“, antwortete der aus dem baden-württembergischen Sinsheim stammende Angeklagte. Er habe Angst vor der Polizeikontrolle gehabt, weil ihm der Führerschein schon entzogen worden war.

Der 22-Jährige entschuldigte sich auch bei der Polizistin, die ihn damals mit einem Kollegen verfolgt hatte und der trotz vieler Berufsjahre bei der Schilderung der Ereignisse wiederholt die Stimme brach. „Ich alleine bin daran schuld, was passiert ist. Sie haben einen guten Job gemacht.“

Auch dem Kollegen der Polizistin kamen während seiner Aussage immer wieder die Tränen. „Ich dachte mir, das geht nicht gut aus“, erzählte der erfahrene Beamte von den Sekunden, bevor der Verfolgte bei Rotlicht mit seinem Wagen auf eine Kreuzung raste, dieses mit einem querenden Auto kollidierte, sich überschlug und in die Passanten geschleudert wurde. Die Beamten waren als erste am Trümmerfeld: „Man hat einfach das Gefühl, man hat nicht genug Arme, um jeden zu helfen.“ Beim Anblick des getöteten 18-Jährigen habe er sofort gewusst, dass jede Hilfe zu spät komme.

Die Verfolgungsjagd mit der Polizei hatte schon am Königsplatz begonnen. Der Angeklagte hatte eine Zivilstreife auf der Abbiegespur auf der Brienner Straße rechts überholt. Auf der Dachauer Straße hatte er zunächst angehalten, als er mit Blaulicht dazu aufgefordert worden war – gab dann aber plötzlich Vollgas und raste Richtung Leonrodplatz.

Der Prozess hatte mit Verspätung begonnen – wegen des Besucherandrangs wurde die Verhandlung spontan in einen größeren Saal verlegt. Rund hundert Menschen, darunter viele junge Leute, verfolgten die Anklageverlesung. Die Staatsanwaltschaft wirft dem Angeklagten unter anderem fahrlässige Tötung und fahrlässige Körperverletzung sowie ein verbotenes Kraftfahrzeugrennen vor. Das Urteil wird für kommenden Donnerstag erwartet.

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