Vielleicht war es so etwas wie ein Ritual. Vielleicht hat Olga Maier immer zu Beginn des Schabbats am Freitagabend zwei Kerzen in den Leuchtern gesegnet und entzündet. Man weiß es heute nicht mehr so genau. Viel wichtiger aber ist: Die beiden silbernen Kerzenleuchter sind eine bleibende Erinnerung an „Tante Olga“ und künden von einer tragischen Münchner Familiengeschichte. Olga Maier wurde von den Nazis im September 1942 im Vernichtungslager Treblinka ermordet.
Die Kerzenleuchter waren bis 1939 in Besitz von Olga Maier, ehe sie vom NS-Regime gezwungen wurde, die Schmuckstücke abzugeben. Sie wanderten später ins Bayerische Nationalmuseum und waren dort bis 2022 Bestandteil der Sammlung. Denn lange konnten die Verwandten von Olga Maier, die in alle Welt geflüchtet waren, nicht ausfindig gemacht werden. Dies gelang erst dem jetzigen Provenienzbeauftragten des Nationalmuseums, Matthias Weniger. Umfangreiche Recherchen waren dafür notwendig Die Nachfahren – sie wohnen in Israel, den USA, England und Deutschland – erhielten 2022 die silbernen Kerzenleuchter zurück, und schenkten sie postwendend dem Jüdischen Museum. Dort sind sie noch bis 17. März in der Ausstellung „Tante Olgas Silberleuchter – Eine Münchner Familiengeschichte“ zu sehen. Auch ihr Schicksal wird dort auf Schaubildern erzählt.
Es ist nicht die einzige Erinnerung an das NS-Opfer. Gestern wurde an der Arcostraße 1 eine Gedenktafel für Olga Maier angebracht, zu ihrem Geburtstag. Am 11. Januar 1876 war die Tochter eines Tuchkaufmanns und Schneidermeisters als Olga Nussbaum zur Welt gekommen. Sie besuchte die Höhere Töchterschule in der Maxvorstadt, das heutige Luisengymnasium. 1896 heiratete sie Moses Moritz Maier, einen Lehrer für jüdische Religion. Die Ehe blieb kinderlos, 1923 starb ihr Ehemann. 1932 zog Olga Maier an die Arcostraße.
Die Machtübernahme der Nazis veränderte ihr Leben. Ihr Bruder emigrierte 1934 mit seiner Familie nach Palästina. Auch viele Nichten und Neffen sowie deren Kinder verließen Deutschland. Olga Maier pflegte zu ihnen weiterhin ein enges Verhältnis und schickte ihnen Briefe und Pakete, solange es möglich war. 1939 musste Maier das Haus an der Arcostraße verlassen und zog an die Thierschstraße zu Familie Walz. Die Gestapo zwang sie im Januar 1942, in die „Judensiedlung Milbertshofen“ zu ziehen. Im Juli 1942 wurde sie in das Ghetto Theresienstadt deportiert. Zwei Monate später wurde sie von der SS in Treblinka ermordet.
Zur Enthüllung des Erinnerungszeichens waren elf Nachfahren nach München gekommen, unter anderem sieben Angehörige aus Israel, die mit einem der ersten Lufthansa-Flüge seit Ausbruch des Nahost-Kriegs anreisten. Auch Miriam Hoffmann (geb. 1940), Tochter des jüngeren Bruders von Olga Maier, wohnte der Gedenkstunde bei. Olga Maier hatte 1936 die in Palästina lebende Familie des Bruders besucht. Danach schickte sie stets Pakete mit Würsten und Kinderbüchern für ihre Neffen.
Bevor gestern das Erinnerungszeichen angebracht wurde, hatte es eine Gedenkveranstaltung im NS-Dokuzentrum gegeben. Charlotte Knobloch, Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern, betonte in ihrer Rede, mehr als 80 Jahre nach Ausbruch des Krieges und fast ein Menschenleben nach dem Ende des Holocaust sei Erinnerung wichtiger denn je. „Wir schulden es den Millionen Opfern – Menschen wie Olga Maier –, aber auch ihren Angehörigen und Nachkommen und schließlich uns selbst.“
Für die Hinterbliebenen hat die Rückgabe der Kerzenleuchter eine Bedeutung von emotionaler Wucht: „Dadurch wurden Familienmitglieder, die über den ganzen Globus verstreut waren und von denen viele sich nie getroffen hatten oder nicht einmal von der Existenz der anderen wussten, zusammengebracht“, heißt es in der Ausstellung im Jüdischen Museum. Es ist eine Geschichte, die von der Tragik einer ganzen Familie erzählt. Außer Olga Maier wurden sechs weitere Familienmitglieder in Vernichtungslagern der Nazis ermordet.