Es muss nicht um lebensgefährliche Bootsfahrten auf dem Mittelmeer gehen, wenn von brutalen Schleusern die Rede ist. Auch bei uns in München floriert das Geschäft mit dem Leid. Das zeigt ein Prozess gegen einen Iraker (45), der gestern vor dem Landgericht begonnen hat. Hussein Mohammed H. soll zusammen mit mindestens zehn anderen Personen über Jahre rund 600 türkische Kurden illegal von Verona und aus der Schweiz nach München gebracht haben.
Bei einer der Touren per Güterzug starb eine 15-Jährige: Melike A. erlitt, ebenso wie ein weiterer Passagier, beim Aussteigen aus ihrem Versteck – dem Auflieger eines Lkw auf dem Güterzug – einen Stromschlag an der Bahn-Oberleitung. Der andere Flüchtling wurde so schwer verletzt, dass er heute querschnittsgelähmt und verstümmelt im Rollstuhl sitzt. H. ist angeklagt wegen bandenmäßigen Einschleusens von Ausländern in Tateinheit mit gefährlicher Körperverletzung, in einem Fall mit Todesfolge.
Die Polizei kam H. auf die Spur, weil sie die Handys der zwölf Geschleusten aus Verona auswertete, die sie am Tag des tödlichen Unfalls am Bahnhof Trudering antraf. Hier sollten diese am 24. Mai 2022 aussteigen. H.s Deckname „Zaza“ und seine Nummern tauchten immer wieder in Whatsapp-Chats zu Schleusungen auf. Markantes Detail: H. fehlt ein kleiner Finger. Auf einem Whatsapp-Video, das zu seinem Klarnamen führte, sieht man einen Mann mit vier Fingern eine Schusswaffe halten. Die Zusammenarbeit mit Polizeistationen und Datenbanken in ganz Europa, insbesondere mit der Bahnpolizei Verona, brachte den entscheidenden Erfolg, der zu H.s Meldeadresse in Lugano führte. Ein Zeuge der Bundespolizeiinspektion berichtet: „Wir haben 108 von rund 600 Fällen von Geschleusten ermittelt. Die Schleuser um H. sind unserer Ansicht nach sehr skrupellos vorgegangen. Es wurde unter anderem auch eine Hochschwangere kurz vor der Entbindung mitgeschleust. Eltern bekamen die Anweisung, ihren Kindern Schlafmittel zu geben, damit sie ruhig sind.“
Zwischen 2000 und 10 000 Euro sollen die Flüchtlinge den Schleusern pro Person für ihre heimliche Deutschland-Einreise gezahlt haben. Dabei seien sie nach Einschätzung der Anklage so behandelt worden, dass ihr Leben gefährdet worden war.
Das bestätigt Meliha A., die Mutter der toten Melike. Laut ihr seien die Flüchtlinge von Bosnien aus zunächst vier Tage durch Wälder marschiert, hätten dort stets nachts im Dunkeln ausgeharrt. Einmal habe sie solche Angst gehabt, dass ihr Ebubekir D., der den Kontaktmann zu „Zaza“ (also H.) spielte, ihn ihr persönlich ans Ohr gab. „Vertrau mir“, habe H. da gesagt, „ihr werdet bald abgeholt.“ Tatsächlich sei am Morgen das Taxi nach Verona gekommen. Doch am dortigen Bahnhof sei allen erst recht mulmig geworden. „Wir wollten nicht in den Waggon steigen, er war riesig und sah gefährlich aus. Aber die Helfer der Schleuser, zwei Schwarze, haben uns gezwungen.“ Meliha A. musste zuletzt zusehen, wie ihre Tochter und ein Mitreisender in Flammen standen. Ihr Sohn kam mit verbrannten Haaren und Verletzungen an der Hand davon. „Wir wussten doch nicht mal, wie man auf Deutsch Hilfe ruft“, sagt sie unter Tränen. Bezahlt habe sie die Reise trotzdem. 18 000 Euro für sich und ihre zwei Kinder seien vereinbart gewesen. Wie viel sie letztlich für die Todesfahrt gab, sagte sie nicht.
Der Angeklagte H. schwieg zur Sache. Laut Staatsanwaltschaft und Polizei will er nur als Dolmetscher fungiert haben. Er entschuldigte sich jedoch bei Meliha A., die heute in München lebt und einen Deutschkurs besucht, und bot über seinen Anwalt an, eine Entschädigung zu zahlen – die Meliha A. laut weinend ablehnte. Das Urteil soll am 28. Februar fallen.