Vom Saal der Pfälzer Weinstube nimmt sie nur noch Umrisse wahr. Eva Maria Pernstich ist 98 Jahre alt und sieht sehr schlecht. Aber als sie einen Schluck ihres geliebten Rotweins nimmt, kommen all die Erinnerungen an ihre Zeit in München vor ihrem inneren Auge wieder hoch. An glückliche Stunden, aber auch an tragische Geschichten. Sie verbindet viel mit der Landeshauptstadt und speziell mit der Weinstube. „Ich habe eigentlich nicht mehr daran geglaubt, dass ich noch mal nach München komme“, sagt sie und lächelt.
Möglich gemacht hat diesen Ausflug das Herzenswunsch-Hospizmobil des Bayerischen Roten Kreuzes Rottal-Inn, das Menschen am Ende ihres Lebens letzte Wünsche erfüllt. „Eine Pflegerin ihres Altenheims in Eggenfelden hat sich an uns gewandt und berichtet, dass sie seit zwei Jahren immer erzählt, dass sie gerne noch einmal nach München fahren würde.“ Gestern war es so weit. Nach einem Besuch beim Glockenspiel am Rathaus und vor einem Abstecher in die Alte Pinakothek kehrten Eva Maria Pernstich, eine Begleiterin und das Herzenswunsch-Team in der Weinstube ein. Dort bereitete man extra einen Kaiserschmarrn auf Wunsch der alten Dame zu, obwohl der eigentlich gar nicht auf der Speisekarte steht.
Geboren ist Eva Maria Pernstich im niederbayerischen Gangkofen. Für die Arbeit ist sie damals nach München gekommen. 30 oder 40 Jahre ist sie ungefähr hier geblieben, bis sie wieder zurück in die Heimat gegangen ist, um ihren Vater zu pflegen. Wie lange und bis wann sie genau hier war – da lässt sie ihr Gedächtnis im Stich.
„Da, wo du jetzt sitzt, da saß er damals“, sagt Eva Maria Pernstich zu ihrer Begleiterin Veronika Schned (48). „Er“, das war wohl ein Mann, mit dem sie eine unglückliche Liebe verbindet, mit dem sie sich oft in der Weinstube traf, einen Strammen Max aß und Rotwein trank. Sie redet von Wut und Eifersucht und davon, was sie bereut. Geheiratet hat sie nie, Kinder hat sie auch keine bekommen. Der letzte Ausflug nach München, er reißt alte Wunden auf. Ihre Augen sind oft geschlossen, essen und trinken kann die Dame nicht mehr alleine. „Wir hatten schon Sorge, dass sie es vielleicht nicht mehr bis zu diesem Ausflug schafft“, sagt ihre Freundin.
Aber es hat geklappt. Kein großer Aufwand für das Hospiz-Team, aber eine riesige Freude für die Dame. „Die alten Leute haben so viel geleistet, wir können ihnen mit kleinen Aktionen viel zurückgeben“, sagt Antonie Lindner. Alle Ausflüge werden von Ehrenamtlichen wie ihr organisiert und aus Spenden finanziert. „Viele Menschen wollen noch einmal in die alte Heimat oder zur Gnadenkapelle nach Altötting. Letztes Jahr sind wir mit einem jungen, kranken Mann nach Jesolo gefahren. Er wollte noch einmal mit den Füßen das Meer spüren. Zwei Monate später ist er verstorben.“
Eva Maria Pernstich sagt in der Weinstube, gerade gehe es ihr „ganz wunderbar“. Alles von früher ist wieder da. „Ich war auch oft glücklich hier in München“, sagt sie nachdenklich. Schön war es mit ihren Freundinnen beim Ratschen im Café Rischart, auf der Wiesn, wo sie jedes Jahr war. Und das Nachtleben, das hat sie geliebt. „Wir waren auch oft in Schwabing im Käfig oder haben uns treiben lassen – da kenn ich viele Lokale!“
München, das war eine große Liebe – und ihr letzter Wunsch. Und was Eva Maria Pernstichs unglückliche Liebe zu dem Mann anbelangt, da tröstet sie die Freundin. „Wart noch ein bisserl und dann im Himmel, da sprichst du dich mit ihm aus.“