Um der S-Bahn betrügerische Fahrgäste zu ersparen, gibt es Kontrolleure. Doch hier waren die Kontrolleure die Betrüger: Sechs Mitarbeiter einer Sicherheitsfirma, die keine Lust auf ihren unbeliebten Job hatten, erschlichen sich von der Bahn den Lohn für fast 1000 geschwänzte Stunden Arbeit. Schlimmer: Um ihr Blaumachen zu vertuschen, erfanden sie Fälle von Schwarzfahrern – und nutzten dabei die Personalien von existierenden Personen. Der finanzielle Schaden für ihren Arbeitgeber, eine Münchner Sicherheitsfirma, betrug 12 595 Euro, verlas die Staatsanwaltschaft bei der gestrigen Verhandlung im Amtsgericht. Viel höher war der Schaden für die falsch Beschuldigten: Einige von ihnen wurden von der S-Bahn angezeigt und als angebliche Wiederholungsschwarzfahrer zu Strafen verurteilt.
Nach Auskunft des Gerichts dürften von der Bande rund 50 Personen fälschlich angeschwärzt worden sein, eine „Fahrpreisnacherhebung“ zahlen zu müssen, wie es im Kontrolleursjargon heißt. Die sechs Kontrolleure schickten sich die Ausweisfotografien der „Auserwählten“, allesamt aus früheren echten Fällen gesammelt, gegenseitig in einer Whatsapp-Gruppe zu. „Schick mir Romäner“, lautete dabei der Code. Allein der Angeklagte Flavio M., dessen Handy die meisten Indizien lieferte, verwendete die Personalien der Opfer in 65 Fällen. Über dieselbe Whatsapp-Gruppe organisierten die Bandenmitglieder auch ihre freien Stunden: Sie sprachen sich am Tag vorher genau ab, wann welche Teams angeblich ab drei Uhr morgens bis Schichtende um 14 Uhr in welchen Bahnen kontrolliert haben sollten. Übereinstimmend trugen sie dann die Dienstzeiten und Fahrten in ihre elektronischen Erfassungsgeräte ein. Wobei sie zu Hause blieben oder zumindest keinen Fuß in eine S-Bahn setzten. Der Schwindel flog letztlich auf, weil eine der erfundenen Schwarzfahrerinnen von Flavio M. an drei behaupteten Kontrollterminen ein sicheres Alibi hatte – sie war im Gefängnis. Von da an ermittelte die Bundespolizei.
Alexandra Markowitz, Anwältin eines der Angeklagten, erklärt: „Die Kontrolleure mussten monatlich eine bestimmte Zahl an Schwarzfahrern liefern. Sie wurden stark unter Druck gesetzt. Dass sie einander mit Fällen aushalfen, war gang und gebe.“ Ähnliches bestätigte ein Zeuge der Bundespolizei: „Ihr Arbeitgeber gab den Kontrolleuren eine Erfolgsquote von 1,3 Schwarzfahrern pro Stunde vor.“ Alle Bandenmitglieder gestanden die Taten. Sie erhalten wohl 15 bis 24 Monate auf Bewährung.