Wer sticht im Rathaus-Poker?

von Redaktion

VON SASCHA KAROWSKI, GEORG ANASTASIADIS UND CHRISTIAN DEUTSCHLÄNDER

Plötzlich werden die Karten in der Kommunalpolitik komplett neu gemischt: Seit dem überraschenden Abgang der grünen Bürgermeisterin Katrin Habenschaden keimt in der CSU wieder Hoffnung, doch mal einen OB stellen oder wenigstens in einer Koalition mitmischen zu können. Oder ist 2026 noch jeder Bewerber chancenlos gegen Amtsinhaber Dieter Reiter (SPD)? Auf jeden Fall beschäftigt sich mehr als ein halbes Dutzend Christsozialer mit der Frage einer Kandidatur – mehr denn je.

Die Lage bei SPD und Grünen ist einigermaßen überschaubar. Reiter gilt, seit die Altersgrenze für Kommunalpolitiker in Bayern gefallen ist, als Favorit auf seine eigene Nachfolge. Das glaubt wohl auch Habenschaden, die Ende vorigen Jahres zur Deutschen Bahn wechselte. Bei den Grünen deutet nun vieles darauf hin, dass Habenschadens Nachfolger als Bürgermeister, Dominik Krause, auch die OB-Kandidatur übernehmen könnte.

Hinter den Kulissen heißt es bei der CSU, Parteichef Markus Söder halte in dieser Konstellation die Kommunalwahl 2026 in München plötzlich wieder für gewinnbar. Ihn motivieren die CSU-Zugewinne in der Stadt bei der Landtagswahl im Oktober 2023: 28,5 Prozent, fast vier Punkte mehr als im Jahr 2018. Söder schätzt Reiter zwar als Pragmatiker, sagt ihm aber keinen übermäßig großen Fleiß nach. Und kümmert sich nun auch selbst um die Frage, wen die CSU ins Rennen schicken könnte.

Bei der CSU, und das ist bemerkenswert genug, gibt es diesmal gleich mehrere aussichtsreiche Kandidaten. Wie es nun aus Parteikreisen heißt, soll um Ostern herum mit einem Prozess begonnen werden. „Das ist naheliegend, dann haben wir noch etwa zwei Jahre bis zur Kommunalwahl“, sagt ein CSU-Mitglied. Dem Prozess wird zunächst die simple Frage vorangestellt: Hat die CSU eine Chance, den amtierenden OB zu schlagen?

Tatsächlich teilen nicht alle in der CSU Söders Zuversicht. Spielt die CSU auf Sieg, greift also Reiters Sessel direkt an? Oder arbeitet sie sich am grünen Koalitionspartner ab und kokettiert mit dem zweiten Platz und einer neuerlichen CSU-SPD-Regierung ab 2026? „Der Kampf um den OB-Posten jedenfalls darf nicht verhindern, dass wir stärkste Fraktion werden“, sagt ein Insider. „Das muss das wichtigste Ziel sein. Es soll möglichst keine Mehrheiten außerhalb der CSU geben“, sagt ein anderer. Die Kandidaten-Kür wird nun auch Ausfluss all dieser Überlegungen sein.

Ein solcher Auswahlprozess setzt immer oben an. Aber der Münchner Partei-Chef und Justizminister Georg Eisenreich hat bereits presseöffentlich eine Kandidatur ausgeschlossen. In Parteikreisen heißt es, Söder hätte gern ihn oder Wissenschaftsminister Markus Blume als Reiter-Herausforderer, weil er ihnen die größte Siegchance zubemisst. Doch auch Blume soll bereits abgewunken haben – zu gern ist er Minister, zu gering seine Begeisterung fürs Rathaus.

Die besten Chancen darf sich auch daher aktuell ein Trio ausrechnen: Münchens CSU-Fraktionschef Manuel Pretzl (48), sein Vize Hans Theiss (46) und Wirtschaftsreferent Clemens Baumgärtner (47). Für Pretzl spricht die jahrelange Erfahrung im Stadtrat (seit 2002), er war zudem bereits Bürgermeister (2018-2020) – Reiters Stellvertreter. Dort genau setzen aber auch die Kritiker an, denn das Verhältnis der beiden gilt als ausgesprochen gut. Und einigen in der Partei ist Pretzl dann auch zu brav, wenn es darum geht, den OB persönlich zu stellen.

Theiss wiederum wäre der Kandidat, der am stärksten auf Angriff und Sieg statt auf Platz spielen würde. Parteiintern soll er bereits für diese Strategie werben. So manchen ist der Mediziner aber zu konfrontativ. Baumgärtner läge irgendwo zwischen diesen Polen. Der Wiesn-Chef ist laut Umfrage der bei den Münchnern bekannteste und beliebteste CSU-Kommunalpolitiker. Allerdings hat er das Problem, dass seine Wiederwahl im Frühjahr 2025 ansteht und Grüne und SPD einem OB-Kandidaten der CSU mit Sicherheit keine weitere Wiesn geben werden, um sich zu profilieren. Und Baumgärtner wäre dann mehr als ein Jahr ohne politisches Amt. In der CSU heißt es zudem, Baumgärtner sei nicht der Favorit von Parteichef Eisenreich.

Weiter genannt wird immer wieder Kristina Frank (42), die 2020 OB-Kandidatin war und Reiter in die Stichwahl zwang. Die Idee liegt nahe, insbesondere dann, wenn SPD und Grüne mit einem Mann antreten. Aber Frank hofft, dass SPD und Grüne sie im Sommer wieder zur Kommunalreferentin wählen. Scheitert das, wäre sie fast zwei Jahre von der politischen Bühne verschwunden.

Eine weitere Idee für eine Frau als Kandidatin ist Stephanie Jacobs (47). Die ehemalige Gesundheitsreferentin ist mittlerweile in die CSU eingetreten, das könnte zumindest für ein Interesse ihrerseits stehen. Wie es intern heißt, sei ihr aber bereits signalisiert worden, das mit dem Erwerb des Parteibuchs keine Ansprüche auf eine OB-Kandidatur verbunden sind.

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