Unser Leben in der Sperrzone

von Redaktion

VON JULIAN LIMMER

Andreas Baumgartl (64) steht kopfschüttelnd vor seiner Galerie: „Ein Desaster ist das“, sagt er und zeigt auf die Straße hinter ihm. Bundeswehrsoldaten laden gerade Stühle aus einem Laster, dahinter parken große Transporter. „Seit über einer Woche haben wir diese chaotischen Zustände: Lärm den ganzen Tag, alles ist verstopft, alles verstellt“, sagt er. Der Grund: Seine Galerie liegt direkt an der Prannerstraße hinter dem Bayerischen Hof – mitten in der Sperrzone der Münchner Sicherheitskonferenz, die heute beginnt und bis Sonntag dauert. Seit über einer Woche wird hier bereits gewerkelt: „Es ist dieses Jahr noch störender als die Jahre zuvor, der Aufbau dauert noch länger“, sagt Baumgartl.

Denn: Der Sicherheitsbereich um die Konferenz ist heuer noch weitläufiger als sonst. Erstmals findet die Siko nämlich nicht nur im Bayerischen Hof statt, sondern auch im neuen Luxushotel Rosewood. Deshalb sind neben der Karmeliter-, Hartmann-, Pranner-, Kardinal-Faulhaber- und Teilen der Pacelli- und Maffeistraße heuer erstmals auch Bereiche der Salvatorstraße gesperrt. In die Zone dürfen nur akkreditierte Personen. Oder Menschen, die ein berechtigtes Interesse gegenüber der Polizei nachweisen können – zum Beispiel Kunden von darin liegenden Geschäften.

Für die Händler innerhalb der Zone ist es kompliziert: „Ich kann eigentlich zusperren, es kommt eh keiner“, sagt Baumgartl. Laufkundschaft falle komplett weg – das mache sich natürlich beim Umsatz bemerkbar, schon deutlich vor der eigentlichen Konferenz. Während der Siko bleibt seine Galerie komplett geschlossen, er selbst flüchtet am Wochenende raus aus der Stadt.

So weit will Susanne Benter (55) nicht gehen – ihr Damenmodegeschäft an der Kardinal-Faulhaber-Straße bleibt offen. Mit großen Einbußen rechnet sie trotzdem: „Die Umsätze gehen gegen null während der Konferenz“, sagt sie. Doch auch der lange Aufbau drücke das Monatsergebnis – sie rechnet insgesamt mit einem Minus von 35 Prozent. Zumal die Siko größer sei als sonst: „Dieses Jahr ist es besonders schlimm, wir leiden quasi seit einer Woche unter den Vorbereitungen.“ Das sei eine „Frechheit, eine Missachtung des Handels“, schiebt sie nach. Sie störe, dass sie vorab kaum Informationen von der Stadt über die Maßnahmen bekommen habe – von Ausgleichszahlungen ganz zu schweigen.

„Der Druck ist groß“, sagt sie. Zumal sie die Miete für ihr Geschäft ohne Abstriche zahlen müsse – trotz des Quasi-Stillstands durch die Siko. Das Kreisverwaltungsreferat entgegnet, dass man vorab mit Interessenvertretungen der Innenstadthändler Gespräche geführt habe.

Benter reicht das nicht. Denn auch vom öffentlichen Nahverkehr ist die Sperrzone, wo ihr Geschäft liegt, weitestgehend abgeschnitten. Die Tramhaltestellen Lenbach- und Marienplatz, sowie Nationaltheater und Kammerspiele werden nicht angefahren. Das gilt seit heute ab etwa 6 Uhr bis Sonntag um 16.30 Uhr. Betroffen sind die Linien 19 und 21. Auch auf anderen Tram- und Buslinien kann es zu Störungen wegen Demos kommen. Und auch der Anlieferverkehr für Läden laufe während der Siko nicht wie gewohnt, sagt Charly Eisenrieder (55): „Mit Fahrzeugen ist es schwierig, sie müssen alle kontrolliert werden.“ Er betreibt das Café am Salvatorplatz. Es liegt zwar nicht in der inneren Sicherheitszone – aber direkt an der Grenze. Auch Eisenrieder rechnet mit weniger Kundschaft: „Durch die ganzen Sperrungen sind die Leute abgeschreckt.“

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