Das Ladensterben geht weiter

von Redaktion

Büchsenmacher, Schreibwaren und Kinderbedarf: Diese Traditionsgeschäfte sperren zu

VON THIBAULT KRAUSE, ISABEL WINKLBAUER UND LEA SCHÜTZ

Münchens Jäger und Sportschützen müssen bald ein anderes Shopping-Ziel anvisieren: Waffen-Krausser, traditioneller Büchsenmacher am Ostbahnhof, sperrt am 30. Mai zu. Und das ist nicht der einzige Kult-Laden, bei dem die Lichter ausgehen.

Schluss mit Schuss!

Mit Waffen-Krausser hat die Stadt wieder einen alteingesessenen Einzelhändler weniger, diesmal einen hoch spezialisierten. Aus Altersgründen verabschieden sich die Inhaber-Brüder Günter (65) und Werner (68) Krausser. Einen Nachfolger gibt es nicht. „Ich will nicht in der Firma stehen, bis ich in die Kiste falle“, sagt Werner. Sie führen das Geschäft an der Orleansstraße seit 1997 in vierter Generation. „Günter möchte nicht allein weitermachen.“

Die Ladenmiete spielt keine Rolle, denn die Männer waren Eigentümer des Hauses, das ihr Geschäft beherbergt, und haben dieses vor einiger Zeit verkauft, um sich zur Ruhe zu setzen. Beide sind kinderlos. Somit endet nun die Krausser-Generationenfolge, die 1881 begann. Ein, zwei Interessenten würden den Handel zwar übernehmen, doch keiner von ihnen erfüllt die Voraussetzungen. Eine Waffenhandelsgenehmigung ist nötig, und die erfordert eine umfassende Prüfung. Schließlich geht es nicht nur um Pfefferspray, Luftgewehre oder Gaspistolen. Die Kraussers verkaufen auch scharfe Waffen an Jäger. Eine weitere Frage: Wer wartet und repariert künftig die Gewehre der Wiesn-Schießbuden? Denn auch dafür waren die Kraussers zuständig.

Nach Jahrzehnten der Arbeit wollen die Kraussers jetzt das Leben genießen: Betriebswirt Werner liebt Golf und will mehr jagen, Büchsenmachermeister Günter schreinert gerne. Der Ausverkauf im Laden ist schon weitgehend über die Bühne. Das Schmuckstück, eine Doppelflinte Abbiatico Salvinelli für 40 000 Euro, ist verkauft. Es gibt aber noch viel Bekleidung und Accessoires mit 30 bis 50 Prozent Rabatt. Nur eines bereitet Werner und Günter Krausser noch Sorgen: die Büchsenmacherwerkstatt. Sie ist mit allen Spezialgeräten voll ausgerüstet und soll nach Möglichkeit im Ganzen an einen neuen Besitzer wandern. „Vielleicht findet sich ja ein Hobby-Büchsenmacher oder Handwerker“, hofft Günter. Bis Ende Mai ist noch Zeit.

Aus nach 45 Jahren

Der Schreibwarenladen von Rosa (78) und Walter (82) Hilpert in der Fraunhoferstraße öffnet am 31. März zum letzten Mal. Das Ehepaar hat sich zusammen mit Sohn Thomas (46) dazu entschlossen. „Wir werden unsere Zeit hier vermissen“, sagt Rosa gerührt. „Ich habe mein ganzes Leben hier drin verbracht“, fügt Thomas leise hinzu, „dieses Stück Leben geht jetzt verloren.“ Nur Walter zeigt sich etwas erleichtert. Er freut sich sogar schon auf den verspäteten Ruhestand.

Der Laden bei der alten Post war eine Münchner Tradition, 45 Jahre lang bedienten Rosa, Walter und später auch Thomas ihre Kunden. „Wir waren all die Zeit durchgehend geöffnet“, berichtet Rosa stolz. „In 45 Jahren waren wir nur einmal für einen halben Tag geschlossen, als die Oma gestorben ist.“ Die Familie erzählt, dass sie manche ihrer Kunden schon seit Jahrzehnten kennt. „Früher kauften sie als Kinder Süßigkeiten, jetzt ihre Zeitschriften und Zigaretten.“

Warum sie sich jetzt entschieden haben, zu schließen? „Es wird langsam Zeit, in den Ruhestand zu gehen“, erklärt Walter. „Vor allem seitdem die Post zugemacht hat und die Fahrradwege eingeführt wurden, sind uns die Kunden weggebrochen.“ Der finale Stoß seien, so Thomas, jedoch die gestiegenen Preise der vergangenenen Jahre gewesen. Die hohe Miete und teure Energie würden die ohnehin schon geringe Marge wegfressen.

Walter und seine Frau wollen nach der Schließung ihren Ruhestand genießen und erst mal verreisen. Und Thomas? „Ich werde für einen großen Schankbetrieb arbeiten, da lässt sich noch Geld verdienen.“

Nachfolger gesucht

„Am liebsten wäre es mir, wenn jemand unseren Namen weiterführt“, sagt Rysia Kreisberger (82), die mit ihrem Mann Avram Ende März in den Ruhestand geht und den Laden „Les Enfants“ für Kindermode und Spielzeug in der Pacellistraße nach fast 50 Jahren schließt. Eine Nachfolge hat sich bislang nicht gefunden, daher gilt: Alles muss raus. Bis zu 70 Prozent reduziert sind manche Teile.

Betritt man das „Les Enfants“ weiß man gar nicht, wo man zuerst hinschauen soll. Zwischen langen Kleiderstangen mit farbenfroher Kleidung warten Stofftiere und Spielzeug in Regalen. Absolute Reizüberflutung, im positiven Sinne. „Da lohnt es sich ja, noch mal ein Kind zu bekommen“, sagt eine stöbernde Mutter.

„Kostüme sind unsere Spezialität“, sagt Rysia Kreisberger stolz. Das vielfältige Sortiment liegt nicht zuletzt an Rysia Kreisbergers Einkaufsstrategie: „Ich habe eingekauft wie ein Weltmeister“, erzählt die Münchnerin lachend. „Wir haben auch verkauft wie die Weltmeister.“ Die Kreisbergers setzen auf Qualität, doch Designerkleidung habe es nie gegeben. Avram (88), ein gelernter Diplom-Ingenieur, übernahm die Buchhaltung und half im Verkauf.

Viele Jahre lief das Geschäft hervorragend, doch der Aufschwung der Fast-Fashion-Industrie und das immer beliebtere Online-Shopping sind auch hier nicht spurlos vorübergegangen. Auch die Stimmung sei im Laufe der Zeit rauer geworden, erzählt Rysia Kreisberger: „Die Leute werden fordernder.“ Besonders die Stammkundschaft ist ihr sehr ans Herz gewachsen.

„Was machen wir nur ohne Sie?“, habe sie in letzter Zeit oft zu hören bekommen. Das Ehepaar hofft dennoch weiter, dass sich vielleicht noch jemand fürs „Les Enfants“ findet.

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