Das Alter jugendlicher Straftäter sinkt – die Brutalität nimmt zu, das meldet die Polizei. Ob harte Strafen daran etwas ändern, ist aber fraglich. Experten meinen: Nein! „Denn nach Jugendarrest oder Jugend-Gefängnisstrafen werden über 60 Prozent der Täter rückfällig“, sagt Christian Gassner, Jugendrichter am Amtsgericht. „Auf so eine Rückfallquote können wir nicht stolz sein.“
Die Juristen luden gestern zum Thema „Straffällige Jugendliche“ in die Pacellistraße und nannten auch Zahlen: 2473 Anklagen vor dem Strafrichter gab es voriges Jahr für 14- bis 21-Jährige in München, somit 92 Fälle mehr als im Jahr zuvor. Ein Anstieg sei vor allem bundesweit gut zu beobachten, sagt Gassner. „Auch dass jetzt häufig Stichwaffen mitgeführt werden, ist besorgniserregend.“ Andererseits schlügen nur fünf bis zehn Prozent derer, die vor ihm stehen, tatsächlich eine kriminelle Laufbahn mit schweren Delikten wie Raub oder Körperverletzung ein. Die meisten seien zwar Wiederholungstäter, oft in Sachen Diebstahl, „Abziehen“ (also Erpressen von Kleidung und Lifestyleprodukten) oder Drogen, wie seine Kollegin Sylvia Silberzweig erklärt. Sie kämen aber im Alter von 22 oder 23 Jahren, „wenn die Ausbildung abgeschlossen ist und sie eine Freundin haben“, schlagartig zur Ruhe. Nur 15 bis 20 Prozent der Straffälligen sind Mädchen.
Als Ursachen für die Gewaltbereitschaft sehen die Richter Entwicklungsstörungen durch die Corona-Maßnahmen. Sie setzen deshalb große Hoffnungen auf die Erziehungsmittel, die dem Gericht zur Verfügung stehen: Konflikttraining, Anti-Aggressionskurse und vieles mehr. Sie betonen aber auch: „Kuschelpädagogik bringt nichts, wenn keine Konsequenzen dahinter stehen.“ Arrest- und Gefängnisstrafen bleiben also in Gebrauch. ISABEL WINKLBAUER