„Sterben ist so intim wie eine Geburt“

von Redaktion

Die Münchner Schauspielerin Jule Ronstedt spricht über ihre Arbeit als Trauerrednerin

VON ULRIKE SCHMIDT

Die Karwoche heißt auch Trauerwoche – es geht um das Leiden und Sterben Christi; die Hoffnung auf Erlösung und Auferstehung und den Glauben daran, dass Beziehungen auch über den Tod hinaus Bestand haben – leibhaftig. Genau das soll gläubige Christen trösten, wenn sie am Grab eines nahestehenden Menschen stehen. Wenn aber der Tote im Leben der Kirche längst den Rücken gekehrt hat und mit dieser frohen Botschaft nichts anfangen kann? Wer steht da am Grab und spendet Trost? Trauerredner! In München gibt es sogar eine sehr Berühmte, die, wenn sie Zeit hat, auch als Trauerrednerin arbeitet: Jule Ronstedt (52). Eine Schauspielerin mit Bodenhaftung, auch Sprecherin, Autorin und Regisseurin. Wer ihr an einem Grab begegnet, ist begeistert von der Empathie und Liebe, die sie dort für einen Verstorbenen ausbreitet, für ein letztes Abschiedsfest mit Familie und Freunden.

Dass die Münchnerin trotz ihres Erfolgs als Schauspielerin auch hin und wieder als Trauerrednerin arbeitet, hat sich so ergeben. Ein Freund wurde vor ein paar Jahren völlig überraschend aus dem Leben gerissen, und Jule Ronstedt um eine Rede am Grab gebeten. Sie bemerkte, dass ihr das liegt, dass sie den Trauernden auch wirklich etwas zu sagen und zu geben hat.

Dann starb der Vater einer alten Freundin – und sie gestaltete zusammen mit ihr den Abschied, das letzte Fest in allen Facetten. „Die Trauerreden sind zu mir gekommen, ich hab das nie forciert, aber es war irgendwie sofort stimmig“, sagt Jule Ronstedt im Gespräch.

Anne Gericke, Mitarbeiterin des Kreativ Teams München und zuständig für Zwischennutzungen, hat ihre Freundin Jule dann an das außergewöhnliche und gestalterisch anspruchsvolle Bestattungsunternehmen „Weiss – über den Tod hinaus“ als Trauerrednerin empfohlen, das die Künstlerin und Goldschmiedin Lydia Gastroph mit dem Buchautor, Intensivkrankenpfleger und ausdrücklich bekennenden Christen Stephan Alof führt. So wurde Jule Ronstedt als professionelle Trauerrednerin auf die Website genommen.

Die Mutter einer erwachsenen Tochter ist selbst nicht getauft; und es gibt ja auch immer mehr Menschen, die sich einen anderen Umgang mit dem Tod wünschen, als ihn die Kirchen und Pfarrer anbieten können – einen freieren, kreativeren, emotionaleren.

Jule Ronstedt kann schreiben, reden und spielen, auch inszenieren und hat damit die besten Voraussetzungen. „Als Trauerredner ist man ja auch Zeremonienmeister.“ Das letzte Fest zu gestalten – für Jule eine sehr ehrenvolle Aufgabe. Schon im Vorfeld der Beisetzung führt sie mit Hinterbliebenen und Freunden Gespräche, um in die Biografie reinzuhören, lässt Erinnerungen aufschreiben, fragt auch nach Schwächen und Wunden. „Einen Menschen nur zu glorifizieren, würde ihm ja auch nicht gerecht – jeder hat Schwächen. Es ist wie ein Puzzle, so ein Leben und womit sich der Mensch beschäftigt hat.“

Die Geschichten und Bilder fügt sie dann zu ihrer Trauerrede zusammen, bei der nicht nur geweint, sondern auch gelacht werden darf. „Es gibt keine Regeln, man kann es in einer freien Trauerfeier machen, wie man will“, erzählt Jule, „es muss den Angehörigen und dem Verstorbenen entsprechen“. Und manchmal wird es sogar magisch, wenn auch die Natur und der Himmel ihre Rollen ausspielen.

Mit den Trauerreden hat sich auch für Jule Ronstedt der Umgang mit dem Tod verändert. „Ich habe die Angst verloren, darüber zu reden, wie man sterben möchte, wie man begleitet werden will – es hat auch das Gespräch mit meinen Eltern über dieses Thema geöffnet – wie und wo will man begraben sein?“ Für sich selbst will Jule Ronstedt keine schwarz gekleidete Trauergemeinde um einen Sarg herum versammelt wissen. „Natürlich sollen Trauer und Verlust ihren Platz haben, aber auch eine letzte schöne Feierlichkeit sein, bei der man sich gemeinsam liebevoll erinnert. Der Tod ist der größte gemeinsame Nenner von uns allen. Und Sterben hat so etwas Großes und Intimes wie eine Geburt.“

Der Moment am Grab entfaltet einen ganz eigenen Zauber, in dem auch viel Liebe und Schönheit sind. „Wenn ich das mit meinem Beruf als Schauspielerin vergleiche, hat das noch mal eine ganz andere Sinn- und Ernsthaftigkeit. Da bist du ganz nah am Leben dran!“ Trotzdem bleibt ihre berufliche Priorität beim Spielen, Schreiben und Inszenieren. „Aber wenn Zeit ist, mache ich das mit den Trauerreden sehr gerne. Dazu braucht es allerdings die nötige Ruhe.“

Was Jule Ronstedt denkt, was nach dem Tod kommt? „Ich glaube, dass es eine höhere Energie oder Kraft gibt und dass wir in irgendeiner Form wiederkehren. Man begegnet ja immer wieder Menschen, bei denen man das Gefühl hat, sie sind nicht zum ersten Mal da.“

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