Frust bei der Terminvereinbarung: Johann Meier bekommt erst in fünf Monaten einen Termin. © Sigi Jantz
„Mit der ärztlichen Versorgung geht es den Bach runter!“, schimpft Johann Meier (60) aus Neuhausen. Ihm sei wichtig gewesen, einen Arzt in der Nähe zu konsultieren. Maier ist kein Notfall, er ist gesetzlich versichert und Erstpatient in der Neuhauser Praxis. Schlechte Voraussetzungen?
Unsere Zeitung hat online über ein Ärztebuchungs-Portal nach einem zeitnahen Hautarzttermin bevorzugt im Münchner Westen gesucht. Wir haben die Voraussetzungen Neupatient und kassenversichert eingegeben. Von 152 Ergebnissen (in ganz München) bieten die ersten sieben keine Termine an. Man solle es zu einem späteren Zeitpunkt noch mal versuchen, heißt es. Der frühestmögliche Termin wird von einer Praxis auf der Theresienhöhe am 14. Mai angeboten – aber nur per Videosprechstunde. Bei einem anderen Arzt in der Altstadt könnten wir als Kassenpatient kommen – hier müssten wir aber 60 bis 85 Euro zusätzlich für die digitale Speicherung und Analyse von Muttermalen bezahlen.
Die nächsten Ärzte, die angezeigt werden, haben Termine Mitte Juni und Mitte Juli. Die Krux hier: Nur privat Versicherte oder Selbstzahler werden behandelt. Ein Blick auf die Ärzteliste zeigt: Das ist bei den meisten Einträgen der Fall.
Werden gesetzlich Versicherte bei der Terminvergabe benachteiligt? Die Verbraucherzentrale Bundesverband kommt im Rahmen einer deutschlandweiten Befragung im Dezember 2023 zu diesem Schluss: Für gesetzlich Krankenversicherte seien oft wenig bis gar keine zeitnahen Termine auf den Buchungsplattformen verfügbar.
Dr. Steffen Gass kennt die Probleme. „Man muss Grenzen setzen“, sagt der Landesvorsitzende des Berufsverbandes der Deutschen Dermatologen in Bayern, der eine Praxis in Günzburg betreibt. Termine vergibt er nur an Patienten im Landkreis, für den er zuständig ist. „Andere Ärzte reglementieren über den Versicherungsstatus – zumal es kein Geld mehr für die Behandlung gibt, wenn das Budget ausgeschöpft ist.“
Für alle Patienten bietet Gass viermal in der Woche freie Sprechstunden mit entsprechenden Wartezeiten an. Der Zulauf sei enorm, jüngst habe er eine Sprechstunde wegen Überfüllung beenden müssen, sagt er. Auch in anderen Bereichen ist der Druck groß, insbesondere Kinderärzte stehen vor Herausforderungen (siehe Kasten).
Hautarzt Gass behandelt 100 Patienten am Tag und mehr – kein Einzelfall. „Auf einen Dermatologen in Bayern kommen im Quartal im Durchschnitt 1500 Patienten – oft mehr.“ Das System sei am Anschlag. „In den nächsten fünf bis zehn Jahren werden 50 000 niedergelassene Ärzte in Deutschland fehlen, wenn die Baby-Boomer in Rente gehen.“ Die Leistung dieser Generation (geboren Mitte der 1950er- bis Ende der 1960er-Jahre) mache 60 bis 70 Prozent aus, schätzt Gass. Sie hätten naturgemäß mehr Erfahrung als Berufsanfänger und die nachfolgende Generation eine veränderte Lebenseinstellung (Work-Life-Balance). Dazu komme: „75 Prozent der Studienabgänger sind Frauen. Häufig arbeiten sie wegen Familie und Kindern nicht in Vollzeit.“
Das System krankt. Die Leidtragenden sind die Patienten – so wie Johann Meier. Auch wir müssen warten. Ein möglicher Vorsorge-Termin mit Screening und ohne Zusatzkosten gibt es für gesetzlich Versicherte am 22. Oktober in einer Praxis in der Altstadt