Geschäfte haben Zukunftsängste

von Redaktion

1800 Stoffe im Angebot: Hannelore Scherer vor den Regalen mit Stoffmustern für Hemden. © Marion Brucker

Im Münchner Rathaus: Ein Blick in den Bernsteinladen ist auch ein Blick in die Vergangenheit.

Steinaltes Material: Die Betreiberin des Bernstein-Ladens, Vilia Fehrn, designt viele ihrer Schmuckstücke selbst. © Gabriele Winter (2) Marion Brucker

Bernstein ist uraltes Material. Der Schmuckstein aus fossilem Harz wird vor allem im Ostseeraum gewonnen – oft kann man durch das rötlichbraune Harz eingeschlossene Pflanzen oder Insekten sehen, die auch nach Millionen Jahren noch perfekt erhalten sind. Auch Münchner Traditionsgeschäfte sind wertvoll – der Bernsteinladen im Münchner Rathaus aber muss nun um sein Fortbestehen zittern. Bei der Stadt gibt es Pläne, die Stadtinformation im Rathaus zu vergrößern, auf Kosten des danebenliegenden Ladens.

Schon seit 1919 gibt es den Bernsteinladen – und er läuft eigentlich auch sehr gut, sagt die 72-jährige Inhaberin, Vilia Fehrn. Zudem beschere er der Stadt hohe Steuereinnahmen. „Vor allem arabische und chinesische Touristen schätzen die teuren Schmuckstücke.“ Auch die Hollywood-Stars Meryl Streep und Richard Gere tragen Bernstein. In diesem Jahr hat die 1884 als Bernsteinmanufaktur in Danzig gegründete Firma 140-jähriges Jubiläum gefeiert. 1919 war das Geschäft von der Ostsee nach München gezogen, wo es erst in den Arkaden gegenüber vom Rathaus residierte und 1956 ins Rathaus umzog.

„Eigentlich hat die Stadt 2006 beschlossen, dass möglichst alle Traditionsgeschäfte erhalten werden sollen“, sagt Geschäftsführerin Susanne Lutz. „Wenn der Bernstein-Laden weichen muss, handeln sie ihrer eigenen Politik zuwider.“ Fehrn und Lutz haben nun bei openPetition eine Unterschriftensammlung gestartet, die in sechs Wochen ausläuft. Sie richtet sich an den Stadtrat mit der Bitte, gegen eine Schließung des Ladens zu stimmen. Zehn Prozent der anvisierten Unterstützer haben bereits unterschrieben.

Unmittelbar bedroht ist der Laden noch nicht. Aus dem Kommunalreferat heißt es: „Die Planungen, die Stadtinformation zu vergrößern, sind noch nicht finalisiert. Der Stadtrat soll hierzu voraussichtlich im Jahr 2025 mit dem Projektauftrag befasst werden.“ Selbst wenn sich der Stadtrat für eine Vergrößerung der Stadtinformation entschlösse, dürfte es noch dauern, bis der Bernsteinladen wirklich das Rathaus verlassen müsste. Angebotene Geschäftsräume im Ruffinihaus kommen für Fehrn nicht infrage, weil sie zum einen das Rathaus seit Langem im Namen führt und zum anderen ihre Kunden genau diesen Ort anpeilen: „Wir sind doch kein Eisladen, sondern ein Traditionsgeschäft.“

Das letzte Hemd

Hannelore Scherer wird am 17. Juni 75 Jahre alt. Eigentlich Zeit für den Ruhestand, aber die Frau hat davor noch eine Mission zu erfüllen – eine selbst gesetzte. Scherer kommt zweimal wöchentlich in ihr Geschäft, auch wenn sie gesundheitlich sehr angeschlagen ist und kaum stehen kann. In ihrem Laden am St.-Jakobs-Platz gibt‘s Maßhemden, und das soll auch so bleiben. Scherer sucht deshalb nach 40 Jahren eine Nachfolge.

Zu übergeben hat sie ein buntes Reich auf rund 60 Quadratmetern. Rund 1800 verschiedene Stofftypen gibt‘s hier, unter denen Kunden für ihre Maßhemden wählen können. Scherer nimmt noch immer selbst Maß und berät die Leute mit Herzblut.

Ursprünglich hat Scherer mal Großhandelskauffrau gelernt und Hemdenfirmen in Bayern und Baden-Württemberg vertreten. Zum eigenen Hemdengeschäft kam die gebürtige Allgäuerin erst nach mehreren schweren Schicksalsschlägen. Das Schneidern hat sie sich selbst beigebracht, außerdem besuchte sie eine Modeschule.

Anfang der 80er-Jahre eröffnete sie ein Geschäft für Maßhemden in München. Am St.-Jakobs-Platz ist sie nach zwei Umzügen seit rund 20 Jahren ansässig. Neben Maßhemden verkauft sie auch Konfektionshemden, Krawatten und Manschettenknöpfe. Sie hat drei Mitarbeiterinnen. Das Geschäft ist Montag, Mittwoch und Freitag von 14 bis 18 Uhr geöffnet. Wer die Chefin selbst antreffen möchte, muss Mittwoch oder Freitag zwischen 16 und 18 Uhr kommen. Sie hat ihre Arbeitszeiten aufgrund ihrer Gesundheit reduziert.

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