Eberhard Kühnel hat die Rathausfenster untersucht. © Jantz
Das Bild der Patrona Bavariae auf Glas. © Alexander von Spreti
Dieses Fenster ist der Bäckerinnung gewidmet.
Blick in die Halle im dritten Obergeschoss des Münchner Rathauses. © Alexander von Spreti
Hinterglasmalerei gehört zu Bayern wie Weißwurst und Brezn. Hinter Glas gibt es auch einen Haufen in und über München – und zwar im Neuen Rathaus. Das weiß nicht einmal jeder Einheimischer. Eberhard Kühnel (66) hingegen kennt jedes Fenster, ach was: jedes abgebildete Haus, jeden Menschen, jedes Ereignis. Denn der Rentner und leidenschaftliche Stadtführer hat nun eine Pionierarbeit geleistet und sämtliche 36 historische Glasfenster genau angeschaut und beschrieben.
„Im Laufe von über einem Jahr hat das Thema eine richtige Faszination entwickelt“, sagt er uns. Jedes der Fenster hat einen Bezug zu München – von ganz offensichtlichen wie der Stadtansicht von einst bis zu historischen Ereignissen. „Die historischen Fenster im Neuen Rathaus zu München erzählen Geschichten“, heißt das hochformatige Büchlein, das im Kunstverlag Josef Fink erschienen ist (120 Seiten, 12,90 Euro). Kühnel hat die Texte geschrieben, die Fotos sind von Alexander von Spreti. Was alle Fenster eint: Sie wurden gestiftet.
Auch sogenannte Ornamentfenster gibt es, aber die haben keinerlei Bezug zu ihren Stiftern – weder im Kontext noch in der Darstellung. Dafür kennt man einige Spender besonders gut. Etwa den FC Bayern, Franz Beckenbauer, Wirte-Legende Willy Heide oder den Gastronomen und einstigen 1860-Präsident Karl-Heinz Wildmoser.
Die historischen Fenster sind fast allesamt keine Originale mehr, die zum Großteil um die Jahrhundertwende geschaffen wurden – aber 1944 bei Luftangriffen zerstört wurden. Nur drei Porträts überlebten die Bombardierung. Zum Glück gab es Schwarz-Weiß-Fotos, anhand derer man über die Schattierungen die Originalfarben rekonstruieren konnte, weiß Kühnel. Die große Wiederherstellung der Fenster fand ab den 1980er-Jahren statt.
Die Älteren erinnern sich vielleicht: Wer zuvor im Prunkhof des Rathauses stand, blickte zwar auch auf die (neo-)gotischen Fenster, allerdings waren sie nicht bunt. Wenn Sie heute abends oder nachts im Prunkhof den Blick nach oben richten, werden Sie nicht allein sein, prophezeit Kühnel: „Einheimische und Dutzende Touristen sind begeistert und machen Fotos.“
Für seine Recherche war der Hobby-Historiker in vielen Gebäuden, die unser historisches Gedächtnis behüten (ein paar Einblicke würden auch der hohen Politik nicht schaden, Stichwort Zerwirkgewölbe). Vor allem im Stadtarchiv, aber auch in der Staatsbibliothek und in der Monacensia war Kühnel oft zu Gast. „Ich habe während der Recherche auch Nachfahren der Stifter ausfindig gemacht. Die haben sich wahnsinnig gefreut, dass wir die Fenster unter die Lupen nehmen. Bisher gab es ja nicht mal ansatzweise eine vollständige Beschreibung der Glasfenster.“
Vier der Exponate sind auf den ersten Blick ganz weit weg von München, aber gleichzeitig mit die spektakulärsten und am meisten fotografierten: die sogenannten Amerikafenster. Sie zeigen u. a. die Niagarafälle, die Freiheitsstatue und US-Legenden von Thomas Edison über Abraham Lincoln bis zu George Washington. Was, um alles in der Welt, haben die hier zu suchen? Kühnel hat lange recherchiert, kennt den Stifter, aber viel mehr über den München-Liebhaber hat er nicht herausbekommen. „Er hieß Morduch Abramowski, wurde 1851 als Kind jüdischer Eltern in Osteuropa geboren und wanderte als gelernter Schneider später in die USA aus. Dort scheint er reich geworden zu sein. Fest steht, dass er seit 1880 als staatenlos in München lebte, und am letzten Jahr des Ersten Weltkriegs war er in der Kaulbachstraße 65 gemeldet.“
Der edle Spender liebte wohl seine Wahlheimat München. „Er war ein Gönner und Freund Münchens und US-amerikanischer Patriot. Und so entschloss er sich, diese zwei Fenster 1910 und 1912 der Stadt München und ihren Bürgern zu stiften.“
Was durften die Gönner der Glasfenster als Motive nicht verwenden? „Politische Äußerungen oder massive Werbung für das eigene Unternehmen vom Handschuh-Macher bis zum Brauerei-Besitzer waren verboten“, erläutert der Münchner.
Und hier sind noch Details zu einigen Fenstern: Eines ist zum Beispiel der Bäckerzunft gewidmet. Es zeigt eine Szene aus der Schlacht bei Ampfing 1322, zu sehen sind Bäckerknechte und König Ludwig IV., der spätere Kaiser Ludwig der Bayer. Den Bäckern soll Ludwig den kaiserlichen Sieg zu verdanken haben.
Ein romantisches Fenster spendierten einst Christian und Wilhelmine Kaufmann der Stadt anlässlich ihres 30. Hochzeitsjubiläums. Zu sehen sind Braut und Bräutigam, spätmittelalterlich gekleidet. Sie zogen 1881 nach München.
Ein besonders schönes, buntes Fenster wurde 1902 zerstört und 1989 rekonstruiert. Es zeigt eine Stadtansicht Münchens mit der Schutzpatronin Bayerns, der Heiligen Maria. Dargestellt ist sie als Himmelskönigin mit dem Jesuskindlein, mit Krone und Zepter, stehend auf einer Mondsichel – von wo aus sie über ihr schönes München wacht.