Cagla G. ist optimistisch und frohen Mutes.
Melek Sahin mit ihren Töchtern. © SIGI JANTZ (4)
Anhänger der türkischen Elf im Olympiastadion.
Supermarkt-Mitarbeiter Mahir Yilmaz.
Mit Fahnen und Trikots feierten türkische Fans bei vergangenen Turnieren auf der Ludwigstraße.
Es könnte laut werden, sehr laut sogar. Da ist sich Melek Sahin (38) sicher. Sollte die Türkei heute Abend gegen Georgien (ab 18 Uhr) gewinnen, weiß sie genau, was sie tun wird: „Dann sind wir alle auf der Straße, mit Autos, mit Fahnen, mit Musik. Wir sind die lautesten Fans“, sagt sie. Die dreifache Mutter ist im EM-Fieber – genauso wie viele der türkischstämmigen Münchner wie sie.
Knapp 40 000 Türken leben in München, hinzu kommen fast nochmal so viele mit türkischen Wurzeln. Melek Sahin ist eine davon. Sie steht mit ihren drei Töchtern unter der grünen Markise in einem wuseligen Hinterhof des Verdi-Supermarkts in der Landwehrstraße. Hinter ihr stapeln Mitarbeiter große Kisten mit Ananas, Mango und Tomaten. Es riecht nach Früchten und gebratenem Fleisch. Sahin begrüßt auf Türkisch Freunde und Bekannte, man kennt sich hier im Hof. Der Supermarkt ist ein Treffpunkt für die türkische Community in München.
Klar, Fußball ist auch hier Thema: „Ich bin Fußball-Fanatiker“, sagt Verdi-Mitarbeiter Mahir Yilmaz (29). Lange habe er darauf hingefiebert, dass endlich ein großes Turnier in Deutschland stattfindet – und dann auch noch mit der türkischen Mannschaft: „Wir sind extrem emotional“, sagt er.
Klar, Autokorso und Ausschweifungen kenne man auch nach Deutschlandspielen, doch die türkische Fankultur sei schon einzigartig: „Die Türken feiern einfach verrückt, die fühlen das Spiel richtig“, sagt er. Wer schon mal bei einem türkischen Spiel dabei gewesen sei, wisse: „Es ist so laut, da muss man sich fast die Ohren zuhalten“, sagt er.
Manche feierten in der Vergangenheit sogar so wild, dass die Polizei einschreiten musste: Wie zuletzt erst Ende Mai, als Galatasaray Istanbul die türkische Meisterschaft holte. Rund 500 Fans feiern am Siegestor, hupten, zündeten Pyrotechnik. Die Polizei musste die Straße sperren. „Auch jetzt sind wir auf einen Autokorso vorbereitet“, sagt ein Polizeisprecher. Das sei bei einer EM jedoch normal.
Richtig groß werde die Party jedoch erst, wenn sich die Türkei in der Gruppe durchsetzt, sagt Mahir Yilmaz. Sein großer Wunsch – wenn Deutschland auf die Türkei treffen würde. „Es gibt kein besseres Spiel für mich in dieser EM“, sagt er. Das könnte bereits im Viertelfinale in Düsseldorf passieren. Und zwar, wenn sich Deutschland als Gruppenzweiter und die Türkei als Gruppendritter in den Achtelfinals durchsetzen.
Und für wen wären sie dann? „Klar, für die Türkei“, sagt Sahin. Auch Deutschland würde man den Titel gönnen, doch das Herz poche für die türkische Mannschaft – das sieht auch Cagla G. (35) so, die ebenfalls in einem türkischen Supermarkt in der Goethestraße arbeitet: „Das ist für uns mehr als nur ein Spiel.“ Man könne stolz sein auf seine Wurzeln, wenn Fußball gespielt wird.
Das sieht auch Reisebüro-Inhaber Kenan Ünlü (53) so: „Etwas noch Wichtigeres als ein Nationalmannschaftsspiel gibt es für viele Türken nicht“, sagt er. Einige aus seiner Familie sind für die Partie heute Abend gegen Georgien sogar nach Dortmund gefahren, wo das Spiel stattfindet.
Und wo schauen die anderen? „Daheim“, sagt Melek Sahin. Dazu gibt´s Sonnenblumenkerne. JULIAN LIMMER