Clemens Heiser: „Der Mensch ist tagaktiv.“
Symbolträchtig: Mit einem Feuer wird die Kraft der Sonne vielerorts gefeiert. © Ganslmeier, dpa, privat
Von nun an ging‘s bergab“, gab einst die große Chansonsängerin Hildegard Knef zum Besten. Sie bezog das ironisch auf ihr künstlerisches Leben. Doch lässt sich dieser Titel gut auf den heutigen Tag der Sommersonnenwende beziehen. Sonnenaufgang 5.18 Uhr, Sonnenuntergang 21.48 Uhr: Der längste Sonnen-Tag des Jahres dauert somit rund 16,5 Stunden. Ab dann geht‘s bergab, die Tage werden wieder kürzer.
Und das passiert genau: Um 22.50 Uhr erreicht die Sonne den nördlichen Gipfel ihrer Jahresbahn. Sie steht dann senkrecht über dem nördlichen Wendekreis. Diese auch als Wendekreis des Krebses bezeichnete Position durchläuft u. a. Algerien und Ägypten. Verantwortlich für die Jahreszeiten und die unterschiedlichen Tageslängen ist, dass die Drehachse der Erde schief zur Sonne steht. Dadurch verschiebt sich die Sonnenposition von Tag zu Tag. Am Mittsommertag neigt sich die Erdachse genau auf die Sonne zu. Heißt auch: Ab morgen werden die hellen Stunden wieder weniger.
So ein Naturereignis wird gefeiert, und das schon seit Jahrtausenden: Johannisfeuer, Kräuterwanderungen, feuchtfröhliche Feste – Michael Ritter vom Bayerischen Landesverein für Heimatpflege ist Experte für Brauch, Tracht und Sprache. Er kennt sich aus mit den alten Traditionen der Sonnwendfeuer oder Johannifeuer: Der Feuerbrauch sei nicht – wie oft angenommen – ein Erbe der Germanen oder Kelten, sondern sehr wahrscheinlich mit der Christianisierung entstanden.
Das Christentum hatte den Tag der Sommersonnenwende neu festgesetzt und um die Zeit der Geburt Johannes des Täufers gefeiert. Damit verbunden waren auch eine Reihe von Traditionen und Aberglauben. So schütze der Rauch des Feuers angeblich die Felder, über die er zog. Sprangen ein Bub und ein Madl gemeinsam über die heruntergebrannten Flammen, stand die Hochzeit bald bevor.
Im 20. Jahrhundert nutzen die Nazis die (fälschliche) Annahme, dass es sich bei den Feuern um einen germanischen Brauch handelt, zu ideologischen Zwecken und ordneten die Ausrichtung von Sonnwendfeuern offiziell an. Nach dem Krieg verloren sie eine Weile an Bedeutung. Heute wird der Brauch wieder beliebter, hat aber weniger ideologischen oder religiösen Gehalt. Es ist hauptsächlich ein schönes Fest.
Wirkt sich die Sommersonnenwende auch auf den Körper aus? Prof. Dr. med. Clemens Heiser, Leiter des schlafmedizinischen Zentrums der Klinik für Hals-, Nasen- und Ohrenheilkunde der TU-München, sagt: „Es gibt generell Unterschiede zwischen ,Sommerschlaf‘ und ,Winterschlaf‘. Der Mensch ist ein tagaktives Wesen und braucht Licht, um sich fit und motiviert zu fühlen. Deshalb schlafen wir im Winter durchschnittlich etwa eine Stunde länger und haben auch mehr Traumschlaf.“ Schlafrhythmus-Störungen seien in nördlichen Kreisen ausgeprägter als am Äquator. Denn dort hat die Sommersonnenwende auf die Tageslänge so gut wie keinen Einfluss. LEONIE STÖCKLE