Die neue Strecke der Polit-Parade: Am Samstag geht es auf direktem Weg durch die Altstadt. © Veranstalter, Schlaf, Stenzel
Leonard Pankonin lächelt in die Sonne. Der 41-jährige Flüchtling aus der Ukraine sitzt in der Loretta Bar und freut sich – über den weiß-blauen Himmel und auf das Wochenende. „Das ist der erste Christopher-Street-Day in meinem Leben“, erzählt er. „Ich freue mich riesig, weiß gar nicht, wie ich es mir vorstellen soll. Ich hoffe, es wird schön.“ Der Betriebswirt und Buchhalter kam im Sommer 2023 nach Deutschland, nachdem sein Haus in Zhitomir zerbombt wurde. Dort war es undenkbar, offen schwul zu leben. Zudem hat er eine Beinbehinderung, mit der er notfalls nicht weglaufen kann – am Pride-Festival in Kiew hat er deshalb auch noch nie teilgenommen, zu groß war das Risiko von Angreifern, erwischt zu werden.
In München wartet auf Pankonin nun der größte Pride-Umzug, den es an der Isar jemals gegeben hat: 209 Gruppen haben sich zur Polit-Parade angesagt, 28 mehr als voriges Jahr. Die CSU darf, im Gegensatz zu anderen Stadtratsfraktionen, wieder nicht mit, denn sie „kann aus unserer Sicht nicht glaubhaft machen, dass sie die Kernforderungen des CSD München unterstützt“, sagen die Veranstalter. Willkommen sind dagegen schwulen- und queer-freundliche Gruppierungen, wie etwa Disney, der Diözesanverband München und Freising oder das US-Generalkonsulat. Statt der CSU dürfen die Lesben und Schwulen in der Union (LSU) auf einem Wagen mit, und ein Infostand der Christsozialen ist auch erlaubt. Leonard Pankonin läuft in der Fußgruppe von „Munich Kyiv Queer“ mit, „mit dem T-Shirt der Initiative und vielleicht mit einer ukrainischen Flagge, mal sehen.“ Er sagt: „Es ist wichtig, dass wir uns zeigen und den Leuten klarmachen: Jeder Mensch ist ein Mensch und verdient dieselbe Anerkennung.“
Skandalöser als Teilnehmer-Querelen ist heuer, dass der 3,7 Kilometer lange Umzug zum ersten Mal nicht durch die kleinen Straßen des Gärtnerplatz- und Glockenbach-Viertels führt. Die Strecke geht „der Größe wegen“, wie die Organisatoren erklären, diesmal vom Mariahilfplatz über die Reichenbachbrücke direkt zum Altstadtring, dann über diesen zum Maximilians- und Karolinenplatz. Start ist um 12 Uhr, und wenn um 15 Uhr Schluss ist, geht es bis spätabends beim CSD-Straßenfest am Marienplatz, in der Kaufingerstraße und am Odeonsplatz weiter.
Die Ausmaße, die die Polit-Parade angenommen hat, sind für Urgesteine des Events ungewohnt. Aber auch erfreulich, wie zum Beispiel für Stephanie Gerlach, Sozialpädagogin und Autorin. Die 62-Jährige war 1980 beim ersten Münchner CSD dabei. „Wir waren 120 Männer und 30 Frauen. Als Fahrzeuge hatten wir ein paar Fahrräder, als Ausrüstung Megaphone. Um uns herum standen mehr Polizisten als Teilnehmer!“ Man habe sich die Gesichter weiß geschminkt, es habe Mut gebraucht, um mitzumachen. „Damals wie heute war es wichtig, sich zu zeigen“, sagt Gerlach. „Sichtbarkeit ist ein großes Thema bei Nicht-Binären und Queeren, weil sie sich mehr Selbstverständlichkeit wünschen. Sie wollen in der Gesellschaft mehr mitgedacht und mitgefühlt werden. Die Community macht am heutigen Tag nicht nur Party, sie macht auch Politik.“
Wichtige Frage: Sind Heteros eigentlich erwünscht beim Christopher Street Day? Gerlach: „Heterosexuelle Verbündete sind durchaus willkommen! Wir wollen eine bunte, offene Gesellschaft und müssen an einem Strang ziehen.“ Kritiker dürfen also daheim bleiben. Gerlach selbst läuft im Umzug bei der Bimmelbahn des Regenbogen-Familienzentrums mit – wo auch Kinder von queeren Eltern einen Heidenspaß haben, mit bunten Fähnchen zu winken. Gerlach: „Ich bin sehr stolz auf unsere Stadt!“