Als Kinder sexuell missbraucht: Kilian Semel (l.) und Liudger Gottschlich beim Papst. © Vatican News
Es sind Tränen geflossen am vergangenen Dienstag im päpstlichen Wohnzimmer in der Casa Santa Marta, als Papst Franziskus mit vier Priestern aus dem deutschsprachigen Raum gesprochen hat. Diese vier Seelsorger, darunter auch Kilian Semel aus München, sind als Kinder von Priestern missbraucht worden. Jeder Einzelne von ihnen erzählte dem Papst seine Leidensgeschichte. Semel, der in München Leiter der Stabsstelle „Seelsorge und Beratung für Betroffene von Missbrauich und Gewalt“ im erzbischöflichen Ordinariat ist, zeigte sich sehr bewegt von dem persönlichen Austausch mit dem Papst. Im Gespräch mit unserer Zeitung berichtete er von dem 45-minütigen Gespräch, das in weiten Teilen auf Deutsch geführt wurde.
„Zu spüren, dass der Papst mit einer ganz großen väterlichen Liebe auf uns geschaut und uns angehört hat“, war für Semel ein besonderes Erlebnis. „Wenn man als betroffener Priester dem gegenübersteht, der an höchster Stelle in der Kirche steht, und ihm seine verwundete Seite zeigen kann, das ein ganz großes Geschenk.“ Der Papst habe sie getröstet und gestärkt – „er hat uns Mut gemacht“. Franziskus habe ihnen gesagt, sie bräuchten sich nicht zu verstecken, „wir können erhobenen Hauptes unsere Verwundungen zeigen“. Damit spielt Semel auch auf die Tatsache an, dass gerade die von Missbrauch betroffenen Priester in der Kirche eine schwierige Rolle haben. „Am liebsten sollten wir unsichtbar sein, denn wir erinnern die Kollegen immer wieder an dieses Thema“, sagt Pfarrer Liudger Gottschlich aus dem Erzbistum Paderborn, der auch an dem Treffen teilgenommen hatte.
Der Papst indes hat den vier Priestern vermittelt: Es ist gut, dass sie da sind. Dass sie trotz des erlittenen Missbrauchs in der Kirche geblieben und sogar Priester geworden sind. Die vier Betroffenen befinden sich laut Semel in einem täglichen Spagat: einer Institution anzugehören, deren Vertreter Schuld auf sich geladen zu haben, die missbraucht und vertuscht haben und andererseits als Person zutiefst verletzt worden zu sein. „Das auszuhalten, seine Liebe zum priesterlichen Dienst einerseits und die persönliche Betroffenheit andererseits, ist eine Spannung, in der wir alle stehen.“ Das Treffen mit dem Papst hat den vier Priestern gezeigt, dass sie sich nicht mundtot machen lassen dürften, sondern das Thema Missbrauch in der Kirche wachhalten müssten, wie Pfarrer Gottschlich anschließend gegenüber „VaticanNews“ resümierte. Der Seelsorger appellierte an die Menschen, auf die Betroffenen zuzugehen. Vielfach fühlten sie sich verlassen, weil andere Angst hätten, sie anzusprechen und damit neu zu verletzen. „Bitte, überwindet eure Angst. Dann werden die Betroffenen schon selber sagen, was man dann tun kann.“
Mit neuer Kraft wird auch Semel morgen zurück nach München reisen, bestärkt darin, „dass es wichtig ist, an diesem Thema dranzubleiben“. Er erlebe in Gesellschaft und Kirche eine gewisse Ermüdung in dem Thema. Es seien so viele Fragen, die die Menschen derzeit beschäftigten: Krieg und Frieden, Wirtschaftsprobleme, der Klimawandel. „Es gibt auch in der Kirche Stimmen, die sagen: Es muss jetzt endlich mal gut sein. Aber damit verletzt man auch die Betroffenen, denn für sie ist es eben noch nicht gut.“
Den Papst hat Semel bei dem Gespräch im Vatikan als sehr interessiert erlebt: „Er war sehr wach, er machte auf mich keinen müden oder geschwächten Eindruck.“ Er sei ein älterer Herr und brauche zum Gehen Hilfe, aber er habe unheimlich präsent gewirkt. Alle Gesprächsteilnehmer seien sich einig gewesen: „Wenn wir mit 87 Jahren noch so fit sind, können wir uns glücklich schätzen.“ CLAUDIA MÖLLERS