Die Kino-Betreiber Fritz und Christoph Preßmar im großen Saal. © Marcus Schlaf
Ein Fixstern in Münchens Kino-Landschaft droht zu verschwinden. © Marcus Schlaf
Die Geschichte gleicht einem Drama. Das Landgericht München hat 2023 in erster Instanz bereits eine Kündigung von 2019 bestätigt. Doch nicht alle Verpächter hatten sie damals unterschrieben, deshalb gingen die Kinobetreiber in Revision. „Wir warten nun auf ein Vergleichsangebot von Verpächterseite“, sagt Oliver Preßmar, der Sohn des Inhabers im Telefonat mit unserer Zeitung. Seine Stimme klingt bedrückt. Eine Münchner Kino-Legende steht vor dem Aus.
Seit 1913 gibt es das Filmtheater am Sendlinger Tor. Carl Gabriel, der bekannte Wiesn-Schausteller, träumte von einem Lichtspieltheater, das nicht auf der Straße gastierte, sondern das in einem eleganten Haus untergebracht war. Und so ließ er die Sendlingertor Lichtspiele durch das Baugeschäft Heilmann und Littmann errichten. Architekt Max Littmann war unter anderem auch der Schöpfer des Hofbräuhauses und des Prinzregententheaters, einer der Besten also. „Das Gebäude ist ganz und gar wie ein Theater konzipiert“, sagt Betreiber Fritz Preßmar, „ein repräsentativer Kinobau. Und es steht unter Denkmalschutz. Es seinem Zweck zu entfremden, würde kompliziert werden.“
König Ludwig III. besuchte im Eröffnungsjahr das neue Lichtspieltheater als erster Stargast, ganze zwei Kurzfilme lang. Der erste Spielfilm, der lief, war „Die Herrin des Nils“, ein Historien-Epos, das die Münchner in Scharen anzog. Doch seine höchste Blütezeit erlebte das Sendlinger-Tor-Kino in den 50er- bis 90er-Jahren des 20. Jahrhunderts.
Damals kamen die Hauptdarsteller persönlich zur Filmpremiere, etwa O.W. Fischer, Curd Jürgens, Heinz Rühmann und Liselotte Pulver, später Michael Douglas oder Martin Scorsese. Zuletzt zog 2023 die sommerliche Filmkombination aus „Barbie“ und „Oppenheimer“ viele Zuschauer in das Traditionshaus. Es läuft nach wie vor okay.
Dennoch: „Kino ist heute keine Wachstumswirtschaft mehr“, erklärt Preßmar, „heute gehen eben generell nur noch 100 Millionen Leute pro Jahr ins Kino, nicht mehr 900 Millionen wie in den 50ern.“ Hinzu komme, dass er wegen der Einzigartigkeit des Baus, nämlich mit einem einzigen Vorführsaal wie im Theater, das finanzielle Risiko eines Flops nicht ausgleichen könne – jeder eingekaufte Streifen muss sich lohnen. Die Verpächter ihrerseits wollen aber viel mehr Pacht, als jetzt fällig ist. Zwischenzeitlich wurden 240 000 Euro im Jahr gefordert, wogegen Preßmar und sein Sohn und Mitinhaber Christoph Preßmar höchstens 110 000 bieten. Daher die Kündigung und Räumungsklage.
Gerichtlich könnten die Preßmars bis vor den Bundesgerichtshof ziehen. Doch das möchten sie nicht. „15 Jahre Rechtsstreit reichen“, sagt Preßmar, „die erste Kündigung kam ja 2010.“ Sie setzen ihre Hoffnung nun auf neue Gespräche, damit nicht ein weiteres Kino von der Bildfläche verschwindet. Das wäre dann wirklich ein Drama.