Die 15000-Volt-Falle

von Redaktion

Nach Strom-Tod auf Güterwaggon: Polizei startet Warn-Kampagne

Warnen: Sebastian Hermann vom Polizeipräsidium und Sina Dietsch von der Bundespolizei.

Blumen und Kerzen am Unfallort.

Bergung eines 19-Jährigen in Trudering: Er erlitt einen Stromschlag, starb Tage später. © Hoffmann, dpa, privat

Sie unterschätzen die Gefahr vollkommen – und bezahlen am Ende mit ihrem Leben: Jugendliche, die auf Güterwaggons klettern und dort an die Oberleitung geraten. Erst vor zwei Wochen überlebte ein 19-Jähriger einen solchen Stromschlag in Trudering nicht. Sein schreckliches Schicksal ist kein Einzelfall. Innerhalb kürzester Zeit gab es zwei weitere Fälle in der Region. Aber auch deutschlandweit mehren sich die Todesmeldungen. Eine Häufung, die die Polizei sehr beunruhigt. Das Münchner Präsidium und die Bundespolizei starten deshalb eine Informationskampagne. Auf verschiedenen Wegen und Kanälen wollen sie die Jugendlichen vor der 15000-Volt-Falle warnen.

„Bahnstrom ist gefährlich für Euch“, steht zum Beispiel in großen Buchstaben auf einem Flyer, der an Schüler direkt gerichtet ist. An die Schulen in der Landeshauptstadt gehen aber auch Elternbriefe, in denen über die massive Gefahr informiert wird. Um weniger förmlich zu sein und einfacher von den Teenagern wahrgenommen zu werden, gibt es zudem Info-Videos der Polizei auf den Social-Media-Plattformen Instagram und TikTok. Tenor: „Sucht Euch was anderes!“

Denn darum geht es wohl bei dem aktuellen Phänomen: Einen vermeintlich coolen Ort zu finden, um abzuhängen oder Videos zu drehen. Letzteres hatte Anfang Juli eine 12-Jährige in Schwerte (Nordrhein-Westfalen) im Sinn, die mit Freunden am dortigen Bahnhof war. Das Mädchen kletterte auf einen Waggon und erlitt einen tödlichen Stromschlag. Der 19-Jährige, der am 7. Juli in Trudering starb, war Samstagnacht mit einem Kumpel unterwegs. Die beiden Heranwachsenden wollten auf einem Kesselwagen einen Döner essen. An der Stelle, wo er die tödlichen Verletzungen erlitt, wurden inzwischen Blumen und Kerzen abgelegt. Nur eine Woche später stieg ein 15-Jähriger betrunken in Feldkirchen auf einen Zug. Er liegt derzeit schwer verletzt und nicht ansprechbar im Krankenhaus. Dorthin musste auch ein Kosovare gebracht werden, der am 4. Juli in Wolfratshausen auf einen Zug geklettert war, vom Strombogen getroffen wurde und dann mit schwersten Verbrennungen fünf Meter in die Tiefe stürzte.

Was viele unterschätzen, erklärt Sina Dietsch von der Bundespolizei bei einem Pressetermin am Mittwoch: Demnach müssen die Opfer die Stromleitung gar nicht direkt berühren, um den mitunter tödlichen Schlag zu bekommen. „Das geht auch über die Luft.“ Sie leitet den Strom in Form eines Lichtbogens auf den Körper, der zu einem Großteil aus Wasser besteht. Das ist sogar auf eine Distanz von bis zu eineinhalb Metern möglich.

Von Bahnsteigen herunterspringen, über Gleise gehen, auf Waggons klettern: Das alles ist enorm gefährlich. „Der Bahnhof ist kein Spielplatz“, unterstreicht Dietsch. Züge, die an einer Station keinen Halt machen, fahren mit bis zu Tempo 160 vorbei. Sie rechtzeitig zu bemerken, ist nicht leicht. „Die Technik wird immer moderner, die Züge werden immer leiser.“ Deshalb warnt Dietsch auch mit aller Deutlichkeit davor, die Gleise als Abkürzung zu nehmen. „Ich kann nur raten, das zu unterlassen. Im Zweifel kommt man gar nicht mehr an.“
NADJA HOFFMANN

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