Architekt Gregor Aigner hat in dem Haus an der Ledererstraße Zeitungsbündel entdeckt. © Achim Frank Schmidt
Um die Jahrhundertwende war hier die Metzgerei „Zum Räucher-Kammerl“, und im Dachgeschoss trocknete der Gerber sein Leder – wovon noch rostige Haken zeugen: Das Haus Ledererstraße 14 in der Altstadt unweit des Tals ist ein Stück Stadtgeschichte: Das dreigeschossige Wohnhaus mit Walmdach, zeittypisch mit Biberschwanz-Bedachung, lässt sich zurückdatieren auf das Jahr 1713. Das Erdgeschoss ist wohl noch Jahrhunderte älter, gemauert mit einem Gemisch aus Findlingen und Ziegeln.
Es ist ein Schmuckstück, das der Architekt Gregor Aigner (45) aus Burghausen zusammen mit seinem Vater Helmut seit zwei Jahren saniert. Das Haus könnte wohl viele Geschichten erzählen, Generationen haben hier gewohnt – und offenbar auch fleißig Zeitung gelesen. Denn bei der Sanierung des historischen Holzfußbodens stießen Handwerker auf einen Stapel alter Zeitungen. Sie waren als Füllmaterial verwendet worden. Darunter ist auch ein alter „Münchner Merkur“ vom 9./10. April 1960. Die Titelschlagzeile verkündet von Zwist zwischen Bonn und Moskau, die Werbung atmet den Charme vergangener Zeiten: Möbel Krügel inserierte damals, der Waschmittelhersteller Sunil, Loden-Frey suchte per Stellenanzeige auf einen Schlag 100 weibliche Maschinennäherinnen. Die Werbung einer Zigarettenmarke fasziniert Architekt Aigner besonders: „Die Mokri ist richtig für mich“, heißt es im Fettdruck. Und darunter steht die kühne Behauptung: „Sportler wissen, daß maßvolles Rauchen durchaus verträglich ist.“
So war das damals. Um 1960 wurde das Haus wohl saniert, vermutet Aigner. Daher die Zeitungen. Der Kern geht aber hunderte Jahre weiter zurück. Über eine mordsmäßig steile Holztreppe führt der Architekt auf den Dachboden: Die Holzbalken sind original von 1720, ergab eine dendrochronologische Untersuchung. „Ein Statiker hat alle überprüft, die sind noch gut.“ Hier oben wurde früher das Leder getrocknet. In den unteren drei Stockwerken gab es drei Wohnungen, je etwa 60 Quadratmeter groß. Unter dem Putz fanden die Restauratoren alte Farbschichten mit Malereien aus dem frühen 20. Jahrhundert, zum Beispiel florale Muster. An manchen Stellen wurden sie jetzt freigelegt. Es ist keine Luxussanierung, alles soll stimmen. Beispiel: für die historisch verbürgten Mittelstegfenster wurde extra ein Schreiner gesucht, der so was anfertigt. Auch die Ecknische an der Außenmauer für eine neue Marienfigur darf nicht fehlen – ihr kleines Dach ist blattvergoldet.
Zum Haus gibt es sogar eine Facebook-Seite der (ehemaligen) Bewohner. Mal besuchte eine Denkmalpflege-Klasse der TU das Gebäude, mal schwirrten Gerüchte durch die „Bar Centrale“ gleich gegenüber, das Haus solle abgerissen werden. Das war natürlich Quatsch, denn das Haus ist als eines von 6800 Einzeldenkmälern in München streng geschützt. Auch die Behauptung, es handele sich um das älteste noch stehende Haus Münchens, ist eine steile These: Das Zerwirkgebäude gleich nebenan an der Ledererstraße stammt aus dem Ende des 13. Jahrhunderts und ist damit weit älter. Allerdings steht das Haus im Besitz des Freistaats leer, Verkaufsgerüchte machen die Runde.
Da ist man an der Ledererstraße 14 schon ein Stück weiter: Die Architekten Aigner haben das Haus im Jahr 2015 für einen stattlichen Millionenbetrag gekauft. Demnächst werden sie neue Mieter suchen – auch für den kleinen Laden im Erdgeschoss. Es muss stimmen, sagt Aigner, er will nicht maximalen Profit rausschlagen. Aber eine Metzgerei mit Räucherei werde es wohl „eher nicht“, sagt er und lacht.
DW