Springt die Kreativszene über die Klinge?

von Redaktion

Nach Kündigungswelle auf dem HP8-Gelände in Sendling: Mieter gehen auf die Barrikaden

Wehren sich gegen die Kündigung: Katharina Kuhlmann (3.v.re.) und ihre Mitstreiter.

Der Plan zeigt, was auf dem HP8-Areal abgerissen werden soll (rot) und was der Gasteig haben will (grün). © Proske

Die Ateliers und Werkstätten müssen raus, den Mietern soll zu Februar 2026 gekündigt werden.

Soll abgerissen werden: Das Haus F auf dem Areal des Interims-Gasteigs.

Wehren sich gegen den Abriss von Haus F am Interims-Gasteig: (v.li.) Susanne Pittroff, Eva Schöffel, Doris Hahlweg, Christoph Lammers und Martin Schneider. © Marcus Schlaf (4)

Wer sitzt hier am längeren Hebel? Das fragen sich die Gewerbetreibenden auf dem HP8-Gelände in Sendling. Die Stadtwerke München (SWM) haben ihnen Briefe geschickt. Inhalt: Zum Februar 2026 sollen ihnen die Räume gekündigt werden. Nun gehen die Mieter auf die Barrikaden.

Morgens, halb zehn. Der Architekt Clemens Bachmann schaltet seine Konferenz-Kamera am Laptop ein. Eigentlich ist er schon im Sommerurlaub in Griechenland, doch die Ereignisse, die sich dieser Tage auf dem SWM-Gelände des HP8 an der Hans-Preißinger-Straße 8 abspielen, erfordern seinen vollen Einsatz. „Die Stadt und der Gasteig kokettieren jahrelang mit uns und jetzt brechen sie ihr Wort. Das passt nicht zusammen.“

Bachmann ist enttäuscht. „Leider waren wir schon einmal an diesem Punkt“, beginnt er zu erzählen. Vor sechs Jahren, als die Stadt München entschied, dass der Gasteig als Interimslösung einziehen würde, sah sich die freie Kreativszene auf dem Areal vor dem Aus. Es drohten Kündigungen. Das Architekturbüro Clemens Bachmann entwickelte daraufhin eine architektonische Konsenslösung, die der Stadtrat offiziell bewilligte.

Auch das Bürgermeisterbüro ließ danach verlauten, so lange der Gasteig auf dem Gelände ist, könnten die Bestandsmieter bleiben. Seitdem arbeiten der Gasteig und die Künstler Seite and Seite. Umso überraschender war es nun für sie, dass die SWM allen Mietern die Kündigung in Aussicht stellte. Ein Teil der Künstlerateliers soll von den Stadtwerken abgerissen werden und einen Großteil der Flächen möchte sich die Gasteig GmbH für die eigene Nutzung einverleiben. Von den Kündigungen betroffen sind 51 Hauptmieter mit 42 Angestellten, 48 Freien und 92 Praktikanten.

Das HP8-Gelände wurde den meisten Münchnern erst durch den Einzug des Gasteigs bekannt. Verlässt man jedoch die Philharmonie durch den Hintereingang, erstreckt sich dort ein Areal, bei dem auf wenigen Metern völlig unterschiedliche Gewerke aufeinandertreffen. Seit fast 25 Jahren arbeiten dort Mieter aus der Malerei, Bildenden und Darstellenden Kunst, Architektur, Grafikdesign, Produktdesign, Ausstellungsgestaltung, Schreinerei und Kfz. Läuft man über das Areal, trifft man auf Gewerbetreibende, die entweder von einer Übernahme durch die Gasteig GmbH berichten oder von einer Abrisssituation betroffen sind.

Ein Betroffener ist Philip Heitsch, Gründer von „Designliga“, einem Büro für Kommunikationsdesign und Innenarchitektur. „Als wir hier anfingen, waren wir eine seltsame Enklave“, grinst Heitsch. „Wir hatten nur einen Zaun und ein Pförtnerhäuschen“, erinnert sich Katharina Kuhlmann, Gründerin von „Durchschrift“, einem Büro für Gestaltung und Szenografie. Die langjährigen Mieter stehen nun in der Halle A, einer ehemaligen Industriehalle, die Heitsch vor 13 Jahren komplett umgebaut hat. Auf den Kommentar, wie schön es hier sei, folgt ein trauriges Schulterzucken. Geht es nach den Plänen von Gasteig und SWM, gibt es die Halle A bald nicht mehr. Denn sie liegt im südlichen Teil des Areals, auf welchem ab 2027 insgesamt 450 Wohnungen für SWM-Mitarbeiter und eine Kindertagesstätte entstehen sollen.

Auch die erst kürzlich renovierte SWM-Ausbildungsstätte wird dafür dem Erdboden gleichgemacht. Dass der Wohnungsbau kommen wird, und die Bestandsmieter aus dem südlichen Teil früher oder später weichen müssen, war klar. Was nun jedoch für den großen Unmut sorgt, ist das, was sich auf dem restlichen Areal abspielt, erklärt Kuhlmann. Denn: Die Gasteig München GmbH melde einen nicht sehr unerheblichen Flächenbedarf an, der den Rausschmiss zahlreicher Mieter nach sich ziehe, so Kuhlmann. „Betriebliche Gründe erfordern, dass die Gasteig München GmbH auch den gesamten Mittelteil belegt“, heißt es in den Schreiben an die Mieter. Grund: Aufgrund des SWM-Projekts mit 450 Wohnungen verliert der Gasteig dringend benötigte Flächen.

Zudem benötigt der Gasteig Ersatzflächen wegen der anstehenden Sanierungsarbeiten am Stammbau in Haidhausen. Dies soll durch die Übernahme von Bestandsmieter-Flächen im HP8 nun kompensiert werden. Für Bachmann ist jedoch klar: „Das ist keinesfalls eine betriebliche Notwendigkeit, sondern allenfalls der Wunsch nach mehr betrieblicher Bequemlichkeit für die zusätzliche Ansiedlung auf dem HP8-Gelände.“

Ist das kooperative Konzept des Miteinanders von Gasteig-Interim und freier Kreativszene also bald Geschichte? Keineswegs, sagt Bachmann. „Die Zwischennutzung durch den Gasteig und das dauerhafte Ansiedeln von Werkswohnungen müssen nicht die Vertreibung der ansässigen Mieter bedeuten.“ Derzeit arbeitet er an einer neuen architektonischen Konsenslösung. Und dass er Konsens kann, hat er ja bereits 2017 erfolgreich bewiesen.
SABRINA PROSKE

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