Anwohner: Isabel Imhof und Andreas Baur (r.).
Auf dem Podium im regen Austausch: Manuel Pretzl (CSU), Fritz Roth (FDP), Christian Vorländer (SPD), Clara Nitsche (Grüne), Tobias Ruff (ÖDP), Stefan Jagel (Linke) und Moderator Marco Eisenack (von links nach rechts).
Der Alte Botanische Garten ist zu einem schwierigen Treffpunkt geworden. Die Probleme strahlen aus.
Viele Baustellen, noch mehr Verkehr: Tagsüber ist in vielen Straßen Dauerstau, nachts wird hingegen gerast.
Das Bahnhofsviertel, aufgenommen aus der Luft. © Hartmann (5), Schlaf, Matkovic
Weniger reden, mehr handeln. So lautete das Motto dieses Abends. Bei der Debatte zu den Problemen im südlichen Bahnhofsviertel zeigte sich am Montag aber schnell: Es gibt zwar unglaubliche viele Missstände, die es zu diskutieren gilt. Doch bei konkreten Maßnahmen, mit denen die ungute Entwicklung in diesem Teil der Stadt gestoppt werden könnte, wird es schwierig. Selbst dann, wenn es einen fraktionsübergreifenden Konsens im Stadtrat gibt. „Das ist schon frustrierend“, so Grünen-Vertreterin Clara Nitsche bei der Debatte im Pressehaus unserer Zeitung an der Paul-Heyse-Straße. Zu den Gründen, die für den Stillstand genannt wurden, gehörten: zu viel Bürokratie in der Verwaltung und zu wenig Geld im Stadtsäckel. Gefordert wurde ein stärkerer politischer Wille zur Durchsetzung neuer Pläne. Die Brennpunkte im Überblick:
■ Alter Botanischer Garten
„Hier wurde enorm viel auf den Weg gebracht“, rief SPD-Stadtrat Christian Vorländer in Erinnerung. Stimmt: Nachdem Oberbürgermeister Dieter Reiter (SPD) eine Taskforce ins Leben gerufen hat, wurde angepackt: mehr Licht, weniger Gehölz, zusätzliche Kameras, Pop-up-Biergärten und mehr Polizei. Fakt ist: Die Dealer sitzen immer noch in der Sonne am Neptunbrunnen und verkaufen Drogen. Bürger trauen sich nicht mehr in den Park. „Ich war nach 22 Uhr dort“, erklärte CSU-Fraktionschef Manuel Pretzl. Sein Eindruck: bedrückend. Pretzl beschreibt handgreifliche Auseinandersetzungen, Obdachlose auf Biergartenbänken und Minderjährige in Begleitung dubioser Personen. „Die Polizei war in dem Moment nicht vor Ort.“
■ Sicherheit
Allen war bei dem Themenabend klar, dass der Alte Botanische Garten nicht im südlichen Bahnhofsviertel liegt. Seine Probleme strahlen aber in die nahe Umgebung aus. Auch deshalb, weil die dortige Klientel, zu der auch die Trinkerszene vom Bahnhof gehört, ja irgendwo hin muss. Einfach nur im Park aufräumen, so der Konsens, reicht nicht: „Die Leute werden sonst nur verdrängt“, sagte Pretzl. Das betonte auch sein Kollege von den Linken, Stefan Jagel. Womit der CSU-Fraktionsvorsitzende auf Widerstand stieß, war seine Einordnung der Sicherheitslage. Laut Polizeistatistik würde nur ein Prozent der Straftaten im Bahnhofsumfeld stattfinden. „Es ist hier nicht sicher“, widersprach Frank Mansory, der die Trattoria Mia an der Landwehrstraße betreibt, ganz deutlich. Seine Frau, die schon einen Angriff erlebt hat, soll abends hier nicht mehr unterwegs sein.
■ Öffnungszeiten
„Frauen fühlen sich unwohl“, erklärte auch Reinhard Sigel vom Verein Südliches Bahnhofsviertel. Nach Ladenschluss sind vor allem Männer auf den Straßen. „Zwischen 19 und 20 Uhr kippt das Viertel“, erklärt der Spielwarenladen-Besitzer aus der Landwehrstraße. Seine Forderung: Durch verlängerte Öffnungszeiten für den Einzelhandel mehr Normalität schaffen. Ein Vorschlag, der gut ankam. Mit Blick auf mögliche Sonderregelungen für touristische Kommunen wurden vage Optionen in Aussicht gestellt. Zweite Forderung Sigels: stärkere Präsenz des Kommunales Außendienstes (KAD) im Viertel. Mittel müssten zur Verfügung stehen und Stellen besetzt werden. Sigel ärgert, dass der KAD nicht auf Sollstärke laufe. Sigels bittere Vermutung: Weil es südlich des Bahnhofs wenig Wohnraum und damit wenig Wähler gibt, sei es für die Politik einfacher, „die Probleme im Viertel zu lassen“.
■ Zu viel Hitze
Würde das erklären, warum sich auch beim Thema Hitze so wenig tut? Die Aufzeichnungen zeigen, dass es durch den hohen Versiegelungsgrad im Viertel immer öfter zu einem regelrechten Hitzestau im Sommer kommt. „Gehen Sie mal bei 35 Grad auf die Schwanthalerstraße“, sagte Anwohnerin Isabel Imhof. „Das ist so schrecklich. Die Leute leiden hier unter der Sonne.“ Ein Problem, das auch die Viertel-Initiative Blue Eye im Fokus hat. „Es fehlt an öffentlichen Grünflächen, Bäumen und an schattigen Plätzen zum Verweilen“, erklärte Blue-Eye-Gründer Stefan Schillinger. Mehr Angebote zum Verweilen und damit mehr Aufenthaltsqualität wünscht sich auch Tobias Ruff – aber aus einem anderen Grund. „Es braucht wieder andere Menschen im Viertel“, sagt der Fraktionschef der ÖDP.
■ Parken und Verkehr
Weiteres Manko: Parkflächen. Mehrere Parkhäuser wurden in den letzten Jahren geschlossen. Unter anderem das direkt am Hauptbahnhof. Ersatz gibt es nicht. Der Verkehr wird im Viertel durch die diversen Baustellen geleitet. Entweder herrscht Dauerstau. Oder es wird in den Abend- und Nachtstunden gerast. Unternehmer Mansory fordert deshalb eine Tempo-30-Zone rund um den Hauptbahnhof.
■ Enge
Für Autos und Radfahrer gibt es wenig Platz. Für Fußgänger aber auch. Angesichts dessen, was tagsüber auf den Bürgersteigen los ist, können sich die Leute kaum bewegen. Lieferfahrzeuge blockieren die Fußwege, auf denen die Händler zudem ihre Auslagen verteilen.
■ Baustellen
Die unzähligen Baustellen und Großprojekte sorgen für hässliche Straßenzüge, erschwerte Zugänge, es gibt Dreck und Lärm. Das Viertel sei im Wandel, sagt Pretzl. „Und dieser Wandel tut erst einmal weh.“ Gleiches gilt für den zeitlichen Horizont. Vor 2037 wird der neue Bahnhof und damit das Herz des Viertels nicht seine Eröffnung feiern.
NADJA HOFFMANN