MÜNCHNER FREIHEIT

Von Cochabamba nach Oggersheim

von Redaktion

Mit dem Genuss ist das so eine Sache. Man muss ihn oft teuer erkaufen, kann aber nie sicher sein, dass er sich wirklich einstellt. Es gibt Tage, da schmeckt selbst das Lieblingsgericht fad. Außerdem ist der Genuss sehr standorttreu. Das hat mich der Rotwein gelehrt, der mich in einer italienischen Osteria derart umgehauen hat, dass ich die Urlaubskasse leerte, um den Kofferraum zu füllen. Irgendwas ist bei der Fahrt über den Brenner passiert. Daheim jedenfalls entkorkte ich voller Erwartung: ein fades, im Abgang leicht muffiges Gesöff, das die beste Ehefrau von allen seither tapfer wegkocht.

Zurück zum Genuss. Seit den Tagen von Laferius und Viriocosus im alten Rom versuchen Köche und Konditoren, mit immer neuen Kreationen die Sinne zu betören. Dass das Prinzip, zusammenzurühren, was nicht unbedingt zusammengehört, gerade in der Kochkunst so hoch im Kurs steht, ist leicht zu erklären. Die haute cuisine ist bis heute von Männern dominiert, und wenn diese Tag für Tag zwischen Tüten, Töpfen, Flaschen und Dosen mit tausenden von Zutaten stehen, kommt eben irgendwann das Kind im Manne durch.

Vor allem im Süßwaren-Sektor ist das Verlangen nach Innovationen groß. Süß ist nicht mehr süß genug, bitter noch immer eine Spur zu unauffällig, herb noch lange nicht ausgeschöpft. Neue Kombinationen müssen her, die dann mit exotischen Namen auf den Markt geworfen werden. Die Ausgangsstoffe und Namensgeber werden dabei bis zur Unkenntlichkeit modifiziert, allen voran die Schokolade. Dabei schmeckt die doch auch allein schon himmlisch. Ich erinnere mich noch an den Moment, als meine Zunge bei einem deutsch-amerikanischen Freundschaftsfest zum ersten Mal mit US-Schokoeis in Berührung kam. Zarter Schmelz, echter, intensiver Kakaogeschmack statt billiger Zuckersüße – ich war überwältigt. Das Eis war fortan meine Droge, bis mein Dealer, ein GI mit Zugang zum PX-Laden, in die Heimat zurückkehrte. Der Entzug war hart.

Was seither an Schokoladen-Derivaten auf den Markt kam – aufgepeppt mit Keks, Fruchtgeschmack, Chili und wer weiß was noch allem, hat mich selten überzeugt. Aber der Strom der Neuerungen reißt nicht ab. Nun also Dubai-Schokolade, die im Internet als ultimative Süßigkeit hochgejazzt wird und überall ausverkauft ist. Ich habe sie noch nicht probiert. Ich kann warten, bis der Preis auf ein akzeptables Niveau gefallen ist. Genau dann, wenn die nächste Geschmackssensation auf den Markt geprügelt wird. Ich warte auf Hangzhou-Schokolade (Kross geröstete Hühnerfüße im Schokomantel mit Süß-sauer-Dip), Cochabamba-Schokolade (mit Schokoladenmus gefüllte Meerschweinchenaugen in einer Hülle aus zarten Coca-Blättern) und, als Exportschlager, Oggersheim-Schokolade (Pfälzer Saumagen mit Schokoladenfüllung und einer Kruste aus Tahini-Kokosflocken). Und vielleicht bringt irgendwann ein mutiges Unternehmen pures, unverfälschtes US-Schokoeis in deutsche Supermärkte. Ich wäre ein dankbarer Abnehmer.

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