MÜNCHNER FREIHEIT

Irrfahrt mit Plan

von Redaktion

Zuerst habe ich gedacht, jetzt sind sie vollkommen übergeschnappt bei der Bahn. Die gedruckten Ankunftspläne an den Bahnhöfen abzuschaffen, die Abfahrtspläne aber beizubehalten, darauf kann nur jemand kommen, dessen Leben aus dem Gleis geraten ist. Dann fiel mir Loriots grandioser Film „Pappa ante portas“ ein, und das erklärt’s.

Die Erklärungen der Bahn dagegen sind wenig erhellend. Gewiss, dass Ankunftspläne nutzlos sind, weil die Züge eh kommen, wann sie wollen, klingt einleuchtend. Was aber bei den Abfahrten grundsätzlich anders ist, bleibt ein Geheimnis. Als Ersatz gibt’s die digitalen Anzeigen, die Fehlinformationen in Echtzeit verbreiten, aber meist nur die nächsten beiden Züge im Blick haben. Kunden, die weiter vorausschauen wollen, verweist die Bahn auf das eigene Smartphone. Und Reisende, die pünktlich ankommen wollen, aufs eigene Auto.

Immerhin: Die Neuerung schafft Platz in den angestaubten Vitrinen und, so die Bahn, durch den Rückbau von Vitrinen auch Platz auf dem Bahnsteig. Das ist ein Segen. Man denke nur an die Heerscharen von Fahrgästen, die sich beim Zusammenprall mit diesen Vitrinen schon böse verletzt haben. Und dort, wo die Schaukästen quer auf dem Bahnsteig stehen – bevor Sie jetzt einwenden, dass es das nirgends gibt: Sind Sie sich da ganz sicher? –, überall dort also würde der Rückbau zumindest einer Hälfte vieles erleichtern.

Und dann ist da noch das Papier! Man mag sich gar nicht vorstellen, wie viele Bäume schon für Abfahrtspläne sterben mussten, auf die dann doch nur Fantasiezeiten gedruckt werden. Die Abschaffung der Ankunftspläne ist somit ein aktiver Beitrag zum Naturschutz, ebenso wie die Tatsache, dass bis heute mehr als ein Drittel des Streckennetzes noch nicht elektrifiziert ist und deswegen mit Dieselloks befahren werden muss. Für die hölzernen Strommasten hätte man glatt den kompletten Forstenrieder Park roden müssen.

Was das alles mit Pappa ante portas zu tun hat? Nun ja: Im Film wird Einkaufsdirektor Heinrich Lohse gefeuert, weil er wegen eines Rabatts Kopierpapier für die nächsten 40 Jahre bestellt hat. So einen Lohse gibt es wohl auch in der Bahn-Zentrale, aber entlassen ist im staatseigenen Konzern nicht so einfach wie in Loriots fiktivem Unternehmen „Deutsche Röhren AG“. Also blieb der Mann, während seine Papiervorräte im Depot vergilbten. Als er nun deswegen neues weißes Papier bestellen wollte, zog irgendjemand im Vorstand die Notbremse. Die Ankunftspläne werden abgeschafft, für die Abfahrtspläne reicht das inzwischen gackerlgelbe Papier noch bis 2034. Dann geht der Papier-Einkaufsdirektor in den Ruhestand.

Ich will gar nicht darüber nachdenken, was er wohl bis dahin macht.

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