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von Redaktion

Nach Ampel-Aus: Eintrittswelle bei Münchens Parteien

Paul Kompalik (li.) sorgt sich um die Demokratie und ist in die SPD eingetreten. Für Katharina Wehrmann (Grüne) und Christian Biermann (FDP) war jetzt der richtige Zeitpunkt, um sich in demokratischen Parteien zu engagieren. © privat (3)

Die Ampel-Regierung aus SPD, FDP und Grünen ist seit 6. November Geschichte. © Kay Nietfeld/dpa

Die Wahl von Donald Trump zum neuen US-Präsidenten hätte vermutlich gereicht, um dem 6. November einen Eintrag in die Geschichtsbücher zu sichern. Doch damit nicht genug. Am späten Abend gab Bundeskanzler Olaf Scholz das Aus der Koalition aus SPD, Grünen und FDP bekannt. Die Ampel am Ende, die Parteien zerstritten. Wer jetzt aber denkt, das alles schüre ausschließlich die Politikverdrossenheit im Land, der irrt. Grüne, SPD und FDP verzeichnen einen ungeahnten Mitgliederzuwachs. Auch in München. Wir haben drei Neu-Mitglieder nach ihrer Motivation gefragt.

Bereits in den ersten beiden Wochen nach dem Ampel-Aus im Bund hatten die Grünen in München die Marke von 4500 Mitgliedern geknackt. „In der Regel sind es pro Monat zwischen 15 und 20 Neumitglieder“, sagt Pressesprecher Robert Simbeck. „Aktuell haben wir rund 100 die Woche.“ Erst am Freitag vermeldeten die Bundesgrünen einen Rekord von 20 000 Mitgliedern. Münchens Partei-Chefin Svenja Jarchow hat eine Aufbruchstimmung ausgemacht – auch bei den bereits aktiven Mitgliedern. „Wir spüren eine enorme Motivation, sich mit voller Kraft im Bundestagswahlkampf einzubringen.“ Diese Aufbruchstimmung sei sicherlich einer der Gründe für viele Neumitglieder gewesen, nun selbst mit an Bord zu sein.“

Tatsächlich hatte sich Neu-Mitglied Katharina Wehrmann zum Eintritt bei den Grünen entschieden, weil sie befürchtet, dass – nach Ampel-Aus und Trump-Wahl – der Klimaschutz künftig weiter vernachlässigt wird. „Das beängstigt mich, aber ich wollte nicht den Kopf in den Sand stecken, sondern mich aktiv zur Demokratie bekennen. Wir alle haben die Möglichkeit, etwas zu bewegen und für eine nachhaltige und faire Politik einzustehen.“

Ähnlich sieht das auch Paul Kompalik. „Ich mache mir Sorgen über den zunehmenden Einfluss populistischer und antidemokratischer Strömungen in der Politik. Deshalb finde ich es wichtig, dass sich auch Bürger der gesellschaftlichen Mitte aktiv einbringen.“ Und das will Kompalik bei der SPD tun. „Sie SPD hat in der Bundesregierung viel erreicht, etwa durch wichtige Reformen und starke Unterstützung für die Ukraine. Ich bin überzeugt, dass die SPD die besten Voraussetzungen hat, die gesellschaftliche Mitte zu stärken und eine Politik für alle zu gestalten.“ In den ersten Wochen nach dem Ampel-Aus verzeichnen die Münchner Genossen 73 Neueintritte. „Sonst haben wir meist so vier bis sechs pro Woche“, sagt SPD-Chef Christian Köning. Aktuell hat die SPD rund 5000 Mitglieder. „Diese Entwicklung zeigt, dass es eine Aufbruchstimmung für sozialen Zusammenhalt, Gerechtigkeit und Respekt gibt. Jenseits aller Krisen, Personaldebatten und Problemen motiviert die Idee der SPD weiterhin viele Menschen, aktiv zu werden und sich für soziale Politik zu engagieren.“

Bei den Münchner Liberalen ein vergleichbares Bild: „Wir haben seit dem Ampel-Aus rund 100 Mitgliedsanträge erhalten, was ungewöhnlich viel ist“, sagt FDP-Chef Michael Ruoff. „Wenn das so weitergeht, werden wir bald wieder bei 1900 Mitgliedern liegen .“ Eines davon ist Christian Biermann. Für ihn war der Zusammenbruch der Ampel der entscheidende Wendepunkt in seiner Lethargie. Die Wahl fiel auf die FDP: „Zum einen sollte jede bürgerliche Partei im nächsten Bundestag vertreten sein, um einen Gegenpol zu extremen und antidemokratischen Strömungen zu bilden. Zum anderen sehe ich als Unternehmer Eigenverantwortung, Freiheit, Innovation, Mut und Weltoffenheit als wichtige Werte in der Politik und verbinde diese Werte mit der FDP.“
SASCHA KAROWSKI

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