MÜNCHNER FREIHEIT

Respekt aus der Ferne

von Redaktion

Zugegeben: Einen gewissen Respekt nötigen sie mir ab, die Frauen und Männer, die Woche für Woche im Eisbach bibbern. Auch wenn ich ihre Motivation nicht wirklich nachvollziehen kann. Ich bade gern, aber vorzugsweise im Sommer, bei Wassertemperaturen über 16 Grad. Das liegt vielleicht daran, dass meine Erfahrungen mit kälterem Wasser nicht die besten sind.

Als 16-Jähriger ließ ich mich zu Ostern (!) beim Schüleraustausch hinreißen, im Kreis Gleichaltriger am Strand von Brighton mit Hurra in den Ärmelkanal zu stürmen – an einem Tag, an dem der Golfstrom ganz offensichtlich freihatte. Ein paar Vorsichtige (insbesondere die Mädchen, was immer man daraus schließen mag) tauchten zunächst die Zehenspitzen ins Wasser und blieben stehen. Wir anderen, getrieben von jugendlichem Ungestüm und der Kraft des Testosterons, ließen uns nicht aufhalten. Zwei, drei schnelle Schritte, bis das Wasser übers Knie reichte, dann sprang ich kraftvoll ab. Und im selben Moment klopften die Signale von Füßen und Waden im Hirn an. Was heißt klopfen – sie hämmerten mit Urgewalt an die Pforte des Bewusstseins und hatten Schmerz und Panik im Gepäck. So muss es sich anfühlen, wenn man barfuß über Rasierklingen läuft und die Waden gleichzeitig in Schraubstöcke eingespannt sind. Aber ich war schon in der Luft, und das war kein gewöhnlicher Sprung. Ein wahrer Flug muss gewesen sein, weit und majestätisch wie Eberhard Giengers legendäre Abgänge vom Reck. Lang genug jedenfalls, dass ich mir detailliert ausmalen konnte, was mich beim Eintauchen erwarten würde. Alles hätte ich gegeben, wenn ich wie eine Zeichentrickfigur noch in der Luft hätte kehrtmachen können. Aber der Bauchplatscher war unvermeidlich, und er übertraf meine Vorahnung um ein Vielfaches. Schlimmer waren nur die Blicke der Mädchen, als wir Vorwitzigen, denen jeder Witz abhandengekommen war, auf den Strand flüchteten. Spott und Mitleid zugleich – einfach entwürdigend.

Eine zweite unfreiwillige Begegnung mit Wasser, das so kalt war, dass es nach den Gesetzen der Physik gar nicht mehr hätte fließen dürfen, ergab sich Jahre später im Skiurlaub. Da ging eines Tages der Heizanlage meiner Pension schlagartig das Warmwasser aus – just in dem Moment, als ich von Kopf bis Fuß eingeseift unter der Dusche stand.

Auf ein drittes Treffen will ich es nicht ankommen lassen. Nicht, dass ich den Eisbadern ihren Spaß missgönne – ich halte es da mit Friedrich II: Jeder soll nach seiner Façon selig werden, solange er damit keinem anderen schadet. Vielleicht freut sich ja sogar ein verfrorenes Fischerl an der Kennedybrücke, wenn einmal die Woche ein Schwall Wasser ankommt, das von den Körpern der Eisbader ein ganz klein wenig aufgewärmt worden ist.

Ich feiere währenddessen die Evolution. Sie hat Jahrmillionen darauf hingearbeitet, den Menschen zu einem vernunftbegabten Wesen heranreifen zu lassen. Und sie hat ihn gelehrt, das Feuer zu zähmen, um darüber Wasser heiß zu machen. Ein Kulturgut, das gepflegt werden will.

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