Die 60-Jährige kennt viel Fachliteratur zum Thema.
Die Weltmeisterin erklärt dem staunenden Reporter Matthias Bieber ihr Training am Laptop.
Antje Hubacz aus München mit ihrem Weltmeister-Pokal: Heuer hat sie im schwedischen Lund bei den Senioren gewonnen. © Astrid Schmidhuber (3)
Wie war die Telefonnummer noch gleich? Wie heißt die Ehefrau von dem Dingsbums gleich noch mal? Ja, das Hirn im zunehmendem Alter … Die Münchnerin Antje Hubacz scheint vor Vergesslichkeit gefeit zu sein. Ihre 60 Jahre sieht man ihr ohnehin nicht an, und ihre Konzentration lässt beim anderthalbstündigen Interview auch nicht nach. Sie ist Gedächtnis-Weltmeisterin bei den Senioren. Sie erklärt, warum in ihrem Schrank ein Feld ist.
Frau Hubacz, mag irgendwer mit Ihnen Memory spielen?
Ach, ich mag Memory ohnehin nicht so sehr, daher bin ich gar nicht so gut. Man strengt sich ja nicht so sehr an bei Dingen, die einem keinen Spaß machen. Ich kenne allerdings eine Gedächtnissportlerin von den Meisterschaften, die auch amtierende Memory-Meisterin ist. Dana Loosen heißt sie. Ich liebe allerdings Scrabble. Meine Freundinnen und ich spielen zwar alle paar Wochen regelmäßig Gesellschaftsspiele, aber leider nur selten Scrabble – doch dann mit Duden.
Damit vermeiden Sie „Hundnase“ wie bei Loriot…
Ja, ich kenne Loriots „Ödipussi“. Wir spielen streng (lächelt), so wie es Loriot auch gerne hätte im Film.
Ist ein Superhirn erlernbar?
Was ich kann, kann jeder machen. Man muss halt üben, braucht Disziplin und muss Zahlen mögen. Gut, ich hatte schon immer ein gutes Gedächtnis, aber das alleine hilft nicht viel weiter. Wobei es Kolleginnen und Kollegen gibt, die noch viel mehr trainieren. Teilweise vier Stunden am Tag, ich halte es bei vier halben Stunden pro Woche. Und wenn Meisterschaften anstehen, fange ich etwa vier Wochen vorher an, verschärft zu trainieren.
Wie schaut das verschärfte Training aus?
Pro Tag eine Stunde. Dazu verzichte ich auf Alkohol. Die zwei, drei Gläser Wein pro Woche fallen weg. Wissen Sie, was die drei größten Hemmnisse bei den Meisterschaften und der Konzentration sind?
Verraten Sie sie mir?
Schlafmangel, Alkohol und Nervosität. Ich versuche überhaupt, mich gesund zu ernähren, mache fünf Stunden in der Woche Lauf- und Kraftsport und eben das Gedächtnistraining. Das alles ist auch ein guter Schutz vor Demenz, wobei in meiner Familie zum Glück keine Fälle bekannt sind. Ich habe also keine Angst davor.
Sie können sich lange Zahlenreihen merken, vier Kartenspiele á 52 Karten hintereinander und vieles mehr. Wie kann das sein?
Indem ich Routen festlege und auf den einzelnen Routenpunkten Bilder ablege.
Äh, ach so?
Schauen Sie, hier steht eine Reihe von 100 Wörtern, fünf Reihen á 20 Wörter. Vor mir steht mein Wohnzimmerschrank, hier lassen wir unsere Route beginnen. Das Wort heißt „Feld“, nun stellen Sie sich ein Feld vor und legen es in den Schrank. Das nächste Wort heißt „Kuchen“, nun stellen Sie sich einen Kuchen auf dem Tisch vor. Das ist der zweite Routenpunkt. Und immer so weiter. Sie müssen sich dafür natürlich die Route genau einprägen. In meiner Wohnung habe ich 60 Plätze – von der Mülltonne im Freien bis wieder hinaus zum Parkplatz.
Aber Sie müssen sich ja mehr Begriffe oder Zahlen merken als 60, oder? Kommt dann zum „Feld“ im Schrank als 61. Wort wieder der Schrank dran?
Ich habe viele Routen. Vier Häuser, zwei Wohnungen, einen Campingplatz, das Tivoli in Kopenhagen und zwei Hotels. Alle diese Plätze kenne ich persönlich, und diejenigen Orte, die ich nicht so gut kenne, habe ich mit Fotos in meinen Excel-Tabellen versehen. Aber Sie haben trotzdem recht: Bei den Weltmeisterschaften habe ich festgestellt, dass ich zu wenig Routen hatte – insgesamt 500 Orte, ich hätte das Doppelte gebraucht. Für die nächste WM 2025 muss ich also noch fleißig Routen sammeln. Das Problem bei der Doppel-Belegung einer Route ist, dass man zwei, drei Tage braucht, um eine Route wieder zu „löschen“. Es kann also sein, dass man leichter durcheinanderkommt, wenn sich zum „Feld“ noch ein weiterer Begriff gesellt.
Was ist mit dem System, von dem man immer wieder in Superhirn-Fernsehserien etc. erfährt: Die Hochbegabten denken sich zu verschiedenen Gegenständen eine zusammenhängende Geschichte aus, also etwa in unserem Fall: Ich sitze im Feld und genieße den Kuchen?
Das geht gut mit ungefähr 20 verschiedenen Wörtern, danach ist Schluss. Bei größeren Mengen funktionieren nur Routen, das machen alle so. Aber das Prinzip ist klar: Ein Objekt kann man sich viel besser merken, wenn man es mit einem Gegenstand verbindet – „Feld“ im Wohnzimmerschrank –, als wenn man nur versucht, sich das Objekt oder gar das nackte Wort zu merken. Für Zahlenreihen gibt es das sogenannte Major-System: Bestimmten Ziffern werden bestimmte Konsonanten zugeordnet, der „8“ etwa die Buchstaben f, ph, v und w, der „4“ der Buchstabe r. Die Zahl 84 ist für mich dann Feuer. Sie müssen sich zu den Zahlen Wörter mit den Buchstaben merken. Alles Übungssache.
Waren Sie denn schon immer so fit im Kopf?
Ich hatte schon immer ein gutes Gedächtnis und habe mit Anfang 50 erfahren, dass ich hochbegabt bin. Ich war eine grottenschlechte Schülerin, bin durchs Abi wegen einer Sechs in Mathe gerauscht und habe es erst vor ein paar Jahren nachgeholt. In der Schule hat mich sehr wenig interessiert, ich habe mich durchgehend gelangweilt. Um mir die Zeit zu verkürzen, habe ich mir dann oft ausgerechnet, wie lange ich noch hier sitzen muss, und das in Prozent oder Brüche umgerechnet. Vielleicht kann ich deshalb heute so gut rechnen.
Warum haben Sie sich so gelangweilt?
Ich fand den Stoff langweilig und/oder die Art, wie er beigebracht wurde. Mathe habe ich nie verstanden. Als ich dann das zweite Mal das Abitur machte, habe ich mir vor der Prüfung eine Woche Urlaub genommen und zwei Prüfungen pro Tag geübt. Am Ende der Woche habe ich es dann gekonnt und eine drei im Abi geschrieben. Der Vorteil heute ist: Was man nicht versteht, kann man sich auf Youtube in fünf Minuten anschauen.
Wie hängen Bildung und Hochbegabung zusammen – oder ist das getrennt zu sehen?
Hochbegabung ist Intelligenz. Bildung ist das, was man lernt. Ein Hochbegabter muss also nicht gebildet sein. Seit drei Jahren studiere ich in Teilzeit Ernährungswissenschaften, und mein Gedächtnissport hilft mir sehr. Ich bin jetzt im vierten Semester.
Und was machen Sie beruflich?
Ich bin Fremdsprachenkorrespondentin und Übersetzerin und habe bisher etwa für die TU München, Siemens und „Voice of America“ gearbeitet. In der Regel wechsle ich alle drei Jahre. Ab Januar fange ich in einer Klinik an mit weniger Stunden. Dann habe ich genug Zeit, um meine Selbstständigkeit als Gedächtnis-Trainerin auszubauen und zu studieren. Wenn ich in Rente bin, möchte ich als Ernährungsberaterin arbeiten. Wer rastet, der rostet.
INTERVIEW: MATTHIAS BIEBER