MÜNCHNER FREIHEIT

Ein Zauber zur Sicherheit

von Redaktion

Ich bin der Kollegin I. zu großem Dank verpflichtet. Hätte sie mich nicht vergangene Woche an dieser Stelle aufgeklärt, wäre ich heute wohl ahnungslos mit Steigeisen und Eispickel über den Christkindlmarkt am Marienplatz gebummelt, in eine Polizeikontrolle geraten und wegen Verstoßes gegen das verschärfte Waffenrecht zur Kasse gebeten worden. Aber das Gemeine an jeder Form der Aufklärung ist ja: Je mehr man weiß, umso weniger kennt man sich aus. Und ich bin mir jetzt nicht mehr sicher, ob es genügt, die Bergausrüstung daheim zu lassen. Was außer Messern und Schusswaffen sonst noch auf einem Christkindlmarkt verboten ist, darüber gibt das Gesetz keine klare Auskunft. Auch nicht auf die Frage, die mich im Moment am meisten bewegt: Darf ich zum vorweihnachtlichen Standl-Bummel meine Frau mitnehmen?

Die beste Ehefrau von allen ist ein warmherziger, gütiger und friedfertiger Mensch. Aber wenn’s drauf ankommt, kann sie auch anders. Schon manchen, der glaubte, ihr dumm kommen zu müssen, hat sie mit ausgesprochen spitzer, um nicht zu sagen messerscharfer Zunge in die Schranken verwiesen. Fällt so eine Zunge nun unter das Waffengesetz? Die vage Definition, wonach das Verbot für Gegenstände gilt, die „geeignet sind, die Angriffs- oder Abwehrfähigkeit von Menschen zu beseitigen oder herabzusetzen“, lässt mich befürchten: ja. Umso mehr, als der Besitzerin der Zunge eine gewisse Schlag(!)fertigkeit und – noch schlimmer – ein entwaffnender Charme nachgesagt werden. Reicht bei einer Polizeikontrolle das Versprechen, die spitze Zunge zu hüten? Und gilt der Mund als eine im Sinne des Waffenrechts ausreichend sichere Verpackung? Fragen über Fragen, und weit und breit keine Antwort.

Dabei sind wir erst ganz am Anfang meiner Liste potenzieller Konfliktherde. Meine Feder, die ebenfalls bisweilen als spitz charakterisiert wird, ist da noch das geringste Problem. Die lasse ich eben daheim. Aber was ist mit meinen Ellenbogen? Die sind nämlich, wenn man meiner Frau glauben darf, auch ausgesprochen spitz. Reicht ein dicker Lodenmantel als Sicherheitspolster, oder muss ich Gelenkschoner wie beim Inline-Skaten aufziehen, bevor ich in die Menge eintauche?

Und was ist mit all den anderen Fähigkeiten und Gebrechen, die einen Menschen unversehens zur Waffe im Sinne des Gesetzes werden lassen? Ich denke da nur an die schneidende Stimme von Tante Erni, von der Onkel Heinz immer gesagt hat, sie sei waffenscheinpflichtig. Oder an den beißenden Körpergeruch, der Onkel Alois stets umwaberte. Ganz zu schweigen von dem stechenden Blick, mit dem mir Onkel Edwin immer Angst eingejagt hat, als ich klein war.

Der Mensch, so scheint es, ist zu gefährlich, um ihn unkontrolliert unter die Leute zu lassen. Ein Gesetz allein wird das Problem nicht lösen, da braucht es schon höhere Mächte. Zum Beispiel den Zauber eines Christkindlmarkts.

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