Zehn Stiche, tausend Fragen

von Redaktion

Messer-Attacke in Giesing: Tat gibt viele Rätsel auf – Polizei ermittelt in alle Richtungen

DieTat hat für einen Großeinsatz der Polizei an der Gufidauner Straße gesorgt. Dort stand das Auto des Opfers.

Messer gesucht: Bereitschaftspolizisten durchkämmten am Mittwochmorgen die Umgebung des Tatorts. © Hoffmann (2), Thedens

Die gute Nachricht: Dem Kanadier, der am Dienstag mit mehreren Stichwunden in einem Park in Giesing gefunden wurde (wir berichteten), geht es weitaus besser als befürchtet. Er schwebte nie in Lebensgefahr. Inzwischen ist laut Polizei sogar klar, dass er nur oberflächliche Verletzungen davongetragen hat. Schon am Dienstagabend konnten die Ermittler der Mordkommission erste Gespräche mit ihm führen. Die schlechte Nachricht: Die Vernehmung hat überhaupt kein Licht ins Dunkel um die Bluttat gebracht. Die Zahl der offenen Fragen ist vielmehr größer geworden. Im Mittelpunkt steht dabei eine Frage: Was ist im Morgengrauen an der Gufidauner Straße, nicht weit entfernt vom Trainingsgelände des FC Bayern, wirklich passiert?

Fest steht: Passanten fanden den Kanadier, der in München lebt, um 7.35 Uhr am Rande eines Spazierwegs nahe der U-Bahn-Station St.-Quirin-Platz. Der Mann war verletzt und nicht in der Lage, selbst die Polizei anzurufen. Zunächst hieß es, dass er in einem Krankenhaus notoperiert werden müsse. Nahe dem Fundort stießen die Ermittler der Kommissariats 11 dann auf das Auto des Opfers. Am Kofferraum des beigen Volvo mit Kölner Kennzeichen entdeckten sie Blut. Kam es hier zur Attacke?

Der 63-Jährige beteuerte in seiner Vernehmung, dass er angegriffen wurde. Und zwar von einer männlichen Person. „Ansonsten gibt es keine Täterbeschreibung“, erklärt Polizeisprecher Werner Kraus. „Wir ermitteln noch in alle Richtungen.“ Zwar sei die Mordkommission im Einsatz. Dass es sich bei dem Fall zu 100 Prozent um ein versuchtes Tötungsdelikt handelt – „davon können wir nicht ausgehen“. Möglich seien auch andere Optionen. Von Zweifeln will Kraus nicht sprechen. Man glaube einer Person erst einmal, was diese angebe.

Offen bleiben viele Fragen. Zum Beispiel die nach der Tatwaffe. Weil diese am Dienstag nicht gefunden werden konnte, kehrten die Ermittler am Mittwochmorgen zurück an die Gufidauner Straße. Kräfte der Bereitschaftspolizei durchkämmten mit Stöcken und Metalldetektoren die gesamte Umgebung: Laubhaufen, Garagendächer, Büsche und Wiesen sowie die Parzellen der Kleingartenanlage, vor der der Kanadier seinen Volvo geparkt hat.

Wenn ihm dort am Auto zehn Stiche zugefügt wurden, warum fanden ihn die Passanten dann etwa 50 Meter entfernt am erhöht liegenden Spazierweg? Warum traf ihn keiner der Messerhiebe tiefer? Warum war er dennoch nicht in der Lage, selbst den Notruf zu wählen? Wo war überhaupt sein Handy? Was brachte den Mann in die Situation, angegriffen zu werden? Und: Wurde er überhaupt angegriffen?

Auf keine dieser Fragen gibt es bislang eine Antwort. Der Kanadier befindet sich laut Polizei noch im Krankenhaus und wird weiter befragt. Die Ermittler hoffen unter Telefon 089/291 00 auf Hinweise. Gutes Omen: Dort, wo es zu der Bluttat gekommen war, hat einst Josef Wilfling gewohnt. Der 2022 verstorbene Kommissar war lange Leiter der Mordkommission und eine Legende beim Aufklären schwieriger Fälle.
NADJA HOFFMANN

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