Pflegekritiker: Claus Fussek.
Experte: Dr. Stefan Arend.
Die neue Tagespflege wurde an der Rümannstraße in Schwabing eröffnet.
Die Pflege in einem Heim ist teuer. © dpa, Helena Heilig, Marcus Schlaf, Yannick Thedens
Wer wissen will, wie wichtig das Thema Pflege ist, muss sich bloß die Zahlen anschauen. Bayernweit gab es 631 273 Pflegebedürftige, Stand Ende 2023. Ein Anstieg um 9,2 Prozent seit 2021. Die Pflegeplätze sind knapp, Fachkräfte fehlen, Kosten steigen. Um den Pflegenotstand zu bekämpfen, hat die Stadt München ein Maßnahmenpaket aufgesetzt (etwa mit dem Abbau bürokratischer Hürden).
Auch neue Angebote entstehen – zum Beispiel jüngst in Schwabing: An der Rümannstraße 60 wurde gestern eine Tagespflege von Münchenstift eröffnet. „Tagsüber bestens versorgt, abends wieder geborgen daheim“: So lautet die Devise des Hauses mit 20 Plätzen, das tageweise gebucht werden kann.
Doch welches Angebot passt für wen? Antworten auf diese und weitere Fragen haben Dr. Stefan Arend und Claus Fussek. Arend beschäftigt sich seit mehr als drei Jahrzehnten mit Wohn- und Pflegeeinrichtungen für Senioren und leitet heute das von ihm gegründete Institut für Sozialmanagement und neue Wohnformen. Fussek ist Deutschlands bekanntester Pflegekritiker, er kämpfte 40 Jahre lang gegen Missstände im Pflegesystem. Ihre Ratschläge geben die Experten weiter – im neuen Pflege-Kompass unserer Zeitung.
Was sind erste Anlaufstellen für Familien, die einen zu Pflegenden in ihrer Mitte haben?
Fussek: Zunächst der Hausarzt, er hat bestenfalls ein Vertrauensverhältnis zu ihm. Denn das Thema ist sehr sensibel und oft angst- und tabubehaftet. „Ich will niemanden zur Last fallen“ habe ich oft gehört. In so einer Situation muss die Familie zusammenstehen, was oft sehr schwer ist. Denn in fast jeder Familie gibt es Altlasten, die in dieser Notsituation hervorbrechen. Mein Credo: Die Pflege muss auf viele Schultern verteilt werden. Das Pflegesystem kann diese Aufgabe nicht mehr bewältigen.
Arend: Der Eintritt in die Pflegebedürftigkeit ist ein massiver Einschnitt und geht mit vielen Emotionen einher. Ich rate daher, sich bereits im Vorfeld damit auseinanderzusetzen und einen Faktencheck zu machen: Welche finanziellen Mittel habe ich? Welche sozialen Ressourcen (z. B. Familie, Nachbarschaft, Freunde)? Wie geht es mir gesundheitlich? Auf dieser Basis kann ich frühzeitig aktiv werden. Wer zum Beispiel auf ein gutes soziales Netzwerk zurückgreifen kann, für den kommt ein ambulanter Pflegedienst eher infrage als für jemand, der sozial isoliert ist. Ganz wichtig, frühzeitig mit seinem Umfeld zu sprechen. Transparenz kann Streit und Sprachlosigkeit verhindern.
Was, wenn akut gehandelt werden muss? Zum Beispiel nach einem Unfall?
Arend: Krankenhausaufenthalt nach einem Sturz: der Klassiker. Leider ist es flächendeckend schwer, eine angepasste Weiterversorgung nach einem Klinikaufenthalt zu bekommen. Das Entlass-Management des Krankenhauses kümmert sich darum. Zu 90 Prozent gibt es eine Vertrauensperson, die in der akuten Notsituation Verantwortung übernimmt. Aber der Druck ist groß.
Wo kann man sich über Hilfsangebote informieren?
Fussek: Eine wertvolle Anlaufstelle sind in München (bereits präventiv!) die Alten- und Service-Zentren, die es in allen Stadtteilen gibt. Die Abteilung „Präventive Hausbesuche“ berät kostenlos und zeigt auf, welche individuellen Formen von Hilfe notwendig sind und wo es sie gibt. Gute Beratung bekommen pflegende Angehörige zum Beispiel bei der Beratungsstelle für pflegende Angehörige der Arbeiterwohlfahrt.
Arend: Ich empfehle die Münchner Pflegebörse (muenchnerpflegeboerse.de). Die Plattform listet Angebote auf und informiert über freie Plätze. Vom Freistaat gibt es den Pflegefinder – die Pflegebörse für Bayern (stmgp.bayern.de/pflege/pflegefinder). Aufschluss über die Qualität von Pflegheimen bietet der AOK Pflegenavigator (www.aok.de/pk/pflegenavigator).
Fussek: Wichtig beim Heim ist die gute Erreichbarkeit durch Angehörige. Leider es in der Realität so, dass man kaum eine Wahl hat, weil kein Platz frei ist. Ich rate, wenn möglich, die Wahl anhand von persönlichen Empfehlungen zu treffen. Nach den Hochglanzbroschüren kann man vor dem Hintergrund des Pflegenotstands nicht gehen. Die Top-Lösung, wenn es die überhaupt gibt: eine 24-Stunden-Haushaltshilfe. Doch deutlich mehr als 3000 Euro monatlich muss man da rechnen.
Wie hoch ist der Eigenanteil bei vollstationärer Betreuung im Heim?
Arend:
Nach einer Faustformel, die auf aktuellen Zahlen basiert, kostet ein Pflegeplatz monatlich rund 5000 Euro. Der Eigenanteil davon beträgt 2500 Euro. Erwachsene Kinder müssen für den Elternunterhalt erst aufkommen, wenn sie mehr als 100 000 Euro brutto im Jahr verdienen.
Daniela Pohl