Münchner Gleis-Geschichten

von Redaktion

Barbara Thoma, Bettina Spahn von der Bahnhofsmission.

Er bestimmt den Zugweg: Fahrdienstleiter Michael von Carnap. © Marcus Schlaf

München hält den Gleisrekord mit 32 oberirdischen und zwei S-Bahngleisen. © Achim Schmidt

München hält den Gleisrekord: 32 oberirdische und zwei S-Bahngleise hat der Hauptbahnhof – und ist der Bahnhof mit den meisten Gleisen in Europa. Mit der zweiten Stammstrecke werden sogar noch zwei weitere hinzukommen. Ein Blick in den Bahnhof – und auf seine Gleise.

Der Fahrdienstleiter

An seinem Arbeitsplatz blickt Michael von Carnap über alle Gleise: „Ich bin verantwortlich dafür, die Züge pünktlich und sicher an den Bahnsteig zu bringen“, sagt er. Der 33-Jährige ist Fahrdienstleiter am Stellwerk an der Hackerbrücke. 1200 Zug- und 500 Rangierfahrten gibt es täglich am Hauptbahnhof – ohne die S-Bahnfahrten im Untergeschoss. Alle Gleise zusammen sind über zehn Kilometer lang. 155 Weichen, 196 Lichtsperren und 56 Hauptsignale werden an der Hackerbrücke geschaltet. „Meistens sind sechs Fahrdienstleiter und ein Disponent da“, erklärt Chefin Sigrid Hobmeier. „Er behält den Überblick, zum Beispiel, wenn ein Zug auf ein anderes Gleis verlegt werden muss.“

Die Fahrdienstleiter bestimmen an drei Tischen den Zugweg. „Wir können jedes Signal und jede Weiche einzeln bedienen“, erklärt Michael von Carnap. Jeder Zug hat eine Nummer, von Carnap und seine Kollegen haben einen Plan mit allen Fahrten. Am Stelltisch sind viele Linien und Lichter – sie zeigen die Gleise, Weichen und Signale. Gerade fährt ein EuroCity-Express ein. Er kommt auf Gleis 14 an. Zuerst leuchtet der Weg orange, später rot – das Gleis ist belegt. „Die Verantwortung ist groß“, betont Sigrid Hobmeier. Vor allem bei Störungen. „Da muss man einen kühlen Kopf bewahren“, sagt von Carnap.

Der Bundespolizist

An Gleis 26 steht ein junger Polizist in Schutzweste – Dienstwaffe, Schlagstock und Pfefferspray griffbereit! Seine Aufgabe: Straftaten verhindern – auch mit Hilfe von Videoüberwachung. Acht bis zehn Polizisten schauen täglich am Hauptbahnhof nach dem Rechten, Tim Oberfrank ist einer von ihnen. „Ich komme zur Arbeit und weiß nicht, was mich erwartet“, erzählt der 23-Jährige. „Mir gefällt die Abwechslung.“ In der 12-Stunden-Schicht wird‘s nicht langweilig. Egal, ob ein heftiger Streit oder ein herrenloser Koffer – die Bundespolizei kümmert sich darum. „Wenn ein Koffer frei herumsteht, schauen wir, ob er mit Namen gekennzeichnet ist“, erklärt Oberfrank. „Oder wir rufen aus, in der Hoffnung, dass ihn jemand abholt.“ Kommt niemand, meldet er das weiter. Was im Extremfall folgt: Sprengstoff-Spürhunde und „Entschärfer“, die sich um das alleingelassene Gepäck kümmern! „Einmal musste das Zwischengeschoss abgesperrt werden“, sagt Oberfrank.

Die Bahnhofsmission

Die beiden Männer mit verwaschenen Jeans an Gleis 11 warten nicht auf den Zug. Sondern: auf Hilfe. Sie sind zwei der knapp 850 Menschen, die täglich zur Bahnhofsmission kommen. „Letztes Jahr waren 300000 Leute bei uns“, berichtet Barbara Thoma. 40000 mehr als im Vorjahr. Thoma ist von der Evangelischen Bahnhofsmission und leitet den Schutzraum zusammen mit Bettina Spahn von der Katholischen. Auch 140 Ehrenamtliche helfen hier Menschen in Not: So wie der Frau, Anfang 20, die unter Drogen stand und nur schwer ansprechbar war. Die Helfer schickten sie zur Psychiatrie. „Das Schöne ist, dass sie danach wiederkam und sogar etwas gespendet hat“, erzählt Thoma. Hilfsbedürftige werden in der Bahnhofsmission an Krankenhäuser und andere Einrichtungen weitergeleitet oder können im Aufenthaltsraum bleiben – dringend nötig, wenn‘s draußen bitterkalt ist. Dreimal täglich gibt‘s Essen. Auch nachts öffnen die Türen. Und: „Frauen können hier übernachten“, sagt Spahn.

Das Bahnhofs-Hotel

Eine Nacht mit Gleisblick? Das gibt‘s im Hotel NH Collection, keine zwei Gehminuten vom Hauptbahnhof entfernt. Mit knapp 100 Metern ist es das höchste Hotel im Bahnhofsbereich. „Ab der neunten Etage verlangen wir für die Aussicht 20 Euro Aufpreis“, verrät Manager Christian Gindele (49). „Die meisten wollen ein Zimmer mit Blick auf den Marienplatz oder auf die Alpen.“ Das Hotel hat 220 Zimmer auf 16 Stockwerken. Preisspanne: von knapp 100 Euro bis 1000 Euro. „Hier kommen hauptsächlich Geschäftsleute und Reisende her, die die Nähe zum Bahnhof schätzen“, sagt Gindele.

Die Reisenden

450000 Besucher sind täglich am Hauptbahnhof. Darunter sind auch die Münchnerin Isabelle Ritter (46) und ihre Tochter Lea (23). „Ich habe kein Auto, deshalb fahre ich häufiger mit der Bahn“, sagt Ritter. Die beiden warten an Gleis 12 auf den Zug in Richtung Bologna. Ihr Ziel: Kitzbühel. Dort wollen sie einen Yoga-Kurs machen. Einmal müssen sie umsteigen. Und dann: Entspannung pur.
CLAUDIA SCHURI, ANTONIA BENZ

Artikel 2 von 2