Unter den Nationalsozialisten wird das Park-Cafe im neu gestalteten Alten Botanischen Garten gebaut.
Blick auf den ehemaligen Glaspalast im Alten Botanischen Garten von der Sonnenstraße aus.
Nach dem Krieg wurde das unter den Nazis erbaute Haus innen neu wieder aufgebaut.
Seit 18 Jahren Chef: Chris Lehner wird als Wirt vom Park-Cafe quasi volljährig – und das pünktlich zum 75. Geburtstag des Restaurants. © Götzfried
Chris Lehner feiert heuer gleich doppelt: „Ich werde volljährig“, sagt der 53-Jährige und meint damit, dass er seit 18 Jahren Chef des legendären Park-Cafes ist. Dieses wiederum begeht seinen 75. Geburtstag. Womit Lehner schon einmal sagt, wo er zu zählen beginnt – nämlich nicht 1935/37, als der Architekt Oswald Bieber unter den Nationalsozialisten den Bau errichtete, sondern erst beim Wiederaufbau nach dem Zweiten Weltkrieg.
Auf dem Schwarz-Weiß-Foto mit der Drahtseil-Artistin sehen Sie im Hintergrund rechts, was vom zerbombten ehemaligen Offizierscasino mit nobel-französischem Interieur übriggeblieben ist: Nur der Hauptbau steht noch, Dach und Seitenflügel sind Schutt und Rauch. Auch wenn Lehner Deutschlands schrecklichstes Kapitel ausklammert: Das Park-Cafe ist nach dem Wiederaufbau ohnehin erst zum Kult geworden. Den gebürtigen Münchner „verfolgt“ das Haus schon, seit er sechs Jahre alt ist, erzählt er uns zum Doppel-Jubiläum. „Damals kam unsere Oma einmal im Jahr extra aus Niederbayern, um auf uns drei Kinder aufzupassen, weil meine Eltern zum legendären Tanz-Tee ins Park-Cafe gingen.“
Als Lehner übernommen hatte, war die Vorgabe: bloß keine Disco mehr. „Darauf hatten weder die Stadt noch die Löwen-Brauerei noch der Freistaat Bock“, erinnert sich der 53-Jährige. Und so kam es zur Mischform aus Wirtshaus und Bar, international und schick. „In der Küche arbeiten zwei Chefs und 22 Mitarbeiter, davon ein Drittel Frauen.“ Die Köche kämen aus aller Welt, was die Rezepte vielfältig und authentisch mache.
Apropos authentisch: Lehner sammelt seit 18 Jahren alte Bilder vom Park-Cafe, ein paar 100 stellt er nun zum Jubiläum im Nebenraum aus. „Darunter sind aber auch viele alte Werbe-Flyer, die zum Beispiel Partys ankündigten.“ Er schmunzelt und hält einen in der Hand, der für die ISPO-Abschiedsparty warb. Darauf steht: „Sport macht schön“ – und zeigt einen sehr beleibten Mann. „Das wäre so heute auch nicht mehr möglich.“
Lehner liebt das Haus. „Meine Frau und ich arbeiten Tag und Nacht für das Cafe, es ist mein Lebenswerk, auch wenn das pathetisch klingt.“ Ob sein Nachwuchs – zwei Kinder, das ältere ist 15 – mal in die Fußstapfen der Eltern steigen, weiß er zwar nicht. „Aber das Park-Cafe schreit nach Gastronomie. Wenn da irgendwann mal irgendein Schuhhaus reinkäme, wäre das todtraurig.“ Seit Jahren gäbe es schon die ewig gleichen Diskussionen zwischen den Wirten und der Stadtspitze, was den Rang der Gastro-Szene angeht. „Dabei ist es doch überall so: Wenn ich nach Italien gehe, dann möchte ich zum besten Italiener im Ort. Wir Münchner Wirte vollziehen den Spagat zwischen Tradition und Moderne. Zu Adele würden die Leute auch nicht fliegen, wenn sie in Zwickau statt in München Konzerte geben würde.“
Mittlerweile habe sich die Situation im Alten Botanischen Garten beruhigt, sagt der Wirt, der 1990 in der Gastronomie angefangen hatte und dafür sein IT-Studium („obwohl ich immer nur Einser hatte“) geschmissen hatte – weil dem gelernten Elektriker die Nebenjobs in der Gastronomie einfach zu sehr getaugt haben. Im Garten mit dem Neptunbrunnen und dem Kunstpavillon stünden nun 60 Videokameras. „Wenn den Beamten auf dem Revier was auffällt, dann ist die Funkstreife in einer Minute hier.“
MATTHIAS BIEBER