Sollen diese Namen verschwinden?

von Redaktion

Quandt, Messerschmitt & Co.: Die umstrittenen Straßen in der Stadt wackeln

BMW-Legende Quandt ließ Zwangsarbeiter schuften.

Wilhelm Messerschmitt war ein Pionier der Luftfahrt.

Die Herbert-Quandt-Straße in Giesing. Quandt war Industrieller. Er sanierte BMW und er war Mitglied der NSDAP.

Die Messerschmittstraße in Moosach soll umbenannt werden. Ihr Namensgeber gilt als Nazi-Profiteur. Messerschmitt war ein Unternehmer und Flugzeugkonstrukteur. © Fotos (2): Marcus Schlaf

München hat Herbert Quandt viel zu verdanken. Der Industrielle machte BMW zu einer der bekanntesten Automarken der Welt. Er war aber auch ein enger Geschäftspartner der Nazis – und ließ Zwangsarbeiter unter furchtbaren Bedingungen in seinen Werken schuften. Eine Kommission fordert deshalb, dass die nach ihm benannte Straße in Giesing umbenannt wird – gemeinsam mit 38 weiteren Straßen. Am Freitag tagt der Ältestenrat dazu.

Die Kommission aus Historikern und Stadträten hat 49 Straßen darauf untersucht, ob deren Namensgeber extrem militaristisch, nationalistisch, frauen-, juden- oder ausländerfeindlich waren – oder glühende Nazis. Ergebnis: 39 Straßen sollen umbenannt werden, zehn weitere kritisch kommentiert werden, zum Beispiel mit Erklär-Plaketten am Straßenschild (siehe Kasten).

Unter den Straßen, die umbenannt werden sollen, sind große Namen: Schriftsteller Ludwig Thoma nennt die Kommission einen „bayerischen Hassprediger“ und „Anhänger völkisch nationaler Ideen“. Nach ihm sind auch eine Stiftung und eine Realschule benannt. Dem Philosophen Martin Heidegger attestieren die Experten „Judenfeindlichkeit“. Der Ingenieur Wilhelm Messerschmitt sei in der NS-Zeit „regimeloyal“ gewesen und habe mit dem Bau seiner Kampfflugzeuge die „Kriegsanstrengungen unterstützt“ – auch mit Zwangsarbeitern.

Die Namen der Kardinäle Döpfner und Wendel will die Kommission vor allem wegen der Missbrauchsfälle in der Kirche ändern. Auch Frauennamen sind betroffen. Die Dichterin Agnes Miegel „glorifizierte Adolf Hitler“, so der Bericht. Die Künstlerin Elly Ney war „hochgradig antisemitisch“.

Die umstrittenen Namen Richard Wagner, Richard Strauss und Robert Koch sollen dagegen nicht umbenannt werden – „trotz erheblicher Belastungen“. Sie könnten in Zukunft mit Ausstellungen oder Prospekten kritisch eingeordnet werden.

Wie der Ältestenrat auch abstimmt: Am Ende muss der Stadtrat die Namensänderungen beschließen. Der Ältestenrat soll am Freitag aber über Entschädigungen für betroffene Bewohner beraten – und die gehen in die Tausende. Wird eine Straße umbenannt, müssen Einwohner und Betriebe ihre Adressen ändern. Privatpersonen bekamen bis jetzt pauschal 100 Euro, Gewerbebetriebe 1500 Euro Entschädigung – bei Nachweis noch mehr. Das könnte sich ändern. Laut Kulturreferat sind Entschädigungen „rechtlich nicht notwendig“. Der Ältestenrat soll klären, wie das Ganze in Zukunft laufen soll.

Aufhorchen lässt auch die Forderung, dass die Straßennamen-Kommission fest installiert werden soll. Dazu muss man wissen: Es gibt eine weitere Liste. Auf der stehen 333 Namen mit „Kontextualisierungs- und Kommentierungsbedarf“. Darin findet man zum Beispiel den Kolumbusplatz oder den Franz-Josef-Strauß-Ring. Gut möglich, dass einigen dieser Straßen auch mal die Umbenennung droht.
T. GAUTIER

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