MÜNCHNER FREIHEIT

Alkoholfreie Assoziationen

von Redaktion

Es gibt Jahreszeiten, Monate und Tage. Das hilft enorm bei der Orientierung im Kalender, erst recht, wenn sich der 1. Mai als Sommertag verkleidet wie vergangene Woche. In München lässt sich der Jahreslauf auch anders strukturieren, nämlich durch alkoholische Getränke. Das Jahr beginnt traditionellerweise mit Sekt, Prosecco oder Champagner um Mitternacht. Verbunden damit ist oft der Vorsatz, im neuen Jahr weniger Alkohol zu trinken. Bald aber kommt der Fasching, darauf folgen Starkbierfest und Frühlingsfest, dann ein ausgiebiger Sommer im Biergarten, der nahtlos in die Wiesn übergeht. Spätestens ab der Auer Dult im Herbst gibt es die ersten Glühwein-Variationen, deren Anziehungskraft sich steigert bis zum Christkindlmarkt und dem Winter-Tollwood. Und zu Weihnachten gönnen sich die Münchner einen richtig guten Wein zum Essen. Die Weltstadt mit Herz ist in Wahrheit eine Weltstadt im Rausch. So gesehen ist es vielleicht gar keine Auszeichnung, ein „echter Münchner“ zu sein.

Mittlerweile lebe ich seit dreißig Jahren in München. Aber manchmal sage ich lieber, ich käme aus Wolfratshausen. Denn meine Heimatstadt weckt zumindest alkoholfreie Assoziationen. Interessant daran ist, dass sich die erste Reaktion auf das Wort „Wolfratshausen“ über die Jahre gewandelt hat. Früher begannen alle zu lächeln und seufzten von glücklichen Stunden, die sie als Kind im „Freizeitpark Märchenwald“ verbracht hätten. Irgendwann wurden die Reaktionen ernster: „Da wohnt doch der Stoiber“, hieß es dann immer. Mehr noch: Beim „Wolfratshauser Frühstück“ im Jahr 2002 war sogar die große Politik bei uns zu Besuch. Edmund Stoiber überzeugte Angela Merkel seinerzeit in seinem Privathaus, dass er der bessere Kanzlerkandidat der Union sei. Im Herbst wurde dann Gerhard Schröder im Amt bestätigt, Angela Merkel durfte erst drei Jahre später ran. Mittlerweile denkt keiner mehr beim Wort Wolfratshausen an „Edmund & Angie“. Alle rufen reflexartig: „Hubert & Staller“. Ich ringe noch um eine Interpretation dieser Entwicklung.

Ist das mit anderen Städten auch so? Woran dachte man im Jahre 1985, wenn man das Wort „Fürstenfeldbruck“ hörte? An den Wiesn-Hit von S.T.S., der irgendwie die letzte Silbe verschwieg (oder das Kloster meinte)? Und woran denkt man heute? – Ich habe dazu meinen Freund Stefan befragt. Seine Antwort: „In Fürstenfeldbruck wird doch das König-Ludwig-Bier gebraut.“ – Typisch Münchner!