Zurück am Ort des Grauens

von Redaktion

Vor 40 Jahren starb Michaela Eisch – Der Mord ist ungeklärt

Lebten allein: Michaela Eisch und ihre Mutter Helga. © privat

Nach vier Wochen Suche wird die Leiche von Michaela Eisch gefunden. Dieter Heumann (M.) war dabei. © Kurzendörfer

Mittlerweile in Pension: Dieter Heumann zurück am Gedenkort für Michaela. © Thedens

Michaela Eisch. Dieser Name steht für einen Kindermord. Für ein Verbrechen, das sich ins Gedächtnis der Stadt eingebrannt hat. Auch deshalb, weil es nie aufgeklärt werden konnte. 1985 löste das Verschwinden des kleinen Mädchens eine riesige Suchaktion aus. Vier Wochen lang bangten nach diesem 17. Mai alle mit Michaelas Mutter – dann zeigte sich, dass die Achtjährige missbraucht und umgebracht wurde. Dieter Heumann war damals einer der beiden Polizisten, die die Leiche von Michaela Eisch entdeckten. 40 Jahre nach diesem besonders erschütternden Mord ist er mit dem unserer Reporterin zurück an den Fundort gegangen.

Als der 61-Jährige an der Hefner-Alteneckstraße ankommt, hat er ein kleines Blumengesteck dabei. Es ist für den Erinnerungsort gedacht, der für Michaela Eisch direkt unterhalb der Braunauer Eisenbahnbrücke angelegt wurde. Ein Kreuz, Bilder des Mädchens, alte Zeitungsartikel gehören zu dem Mahnmal. Man merkt dem langjährigen Polizisten an, dass ihm die Zeitreise nicht leichtfällt. Auch nach 40 Jahren nicht.

„Ich werde diesen Einsatz nicht vergessen“, sagt er. Es ist der 14. Juni 1985, ein ganz normaler Freitagnachmittag. Dieter Heumann ist wie immer mit seinem Kollegen auf Streife. Nach einem Anruf vom E-Werk an der Isar fahren sie zur Brücke. Der Wind treibt seit einige Zeit Gestank vom Bahndamm auf das Betriebsgelände. „Die Mitarbeiter dachten, dass dort ein totes Reh liegen könnte“, sagt Heumann, der seit 1. Mai 2025 in Pension ist. An jenem Junitag vor vier Jahrzehnten hat seine Karriere bei der Polizei gerade erst angefangen. „Ich war 21 Jahre alt und erst frisch im Dienst.“ Vielleicht geht an diesem schicksalhaften Freitag deshalb sein Kollege voran.

Die beiden klettern über den niedrigen Zaun und wollen eigentlich an der Mauer entlang des E-Werk-Geländes gehen. „Doch da war zu viel Gestrüpp.“ Also kraxeln sie rauf zum Bahndamm. Nach ein paar Metern bleibt der Kollege stehen und sagt, dass dort unten am Hang kein Reh liegt – sondern ein toter Mensch. Den beiden ist sofort klar, dass es sich nur um das gesuchte Mädchen handeln kann. Sie gehen vorsichtig zurück und alarmieren per Funk das Präsidium.

Dieter Heumann verbringt noch Stunden am Bahndamm. Die Bilder vom Tatort wird er nie vergessen können. Details wie jenes, dass Michaela Eisch nur noch einen ihrer Ballerina-Schuhe trug, treiben ihm Tränen in die Augen. Weil er weiß, wie sehr das Schicksal des Mädchens, das nach dem Missbrauch mit dem eigenen Höschen erdrosselt wurde, deren Mutter getroffen hat.

Die damals 28-Jährige lebte nach ihrer Scheidung allein mit Michaela in der Maikäfer-Siedlung in Berg am Laim. 1992 starb sie mit nur 35 Jahren an einem schweren Asthmaanfall. Und, so hieß es immer aus ihrem Umfeld, wohl auch an ihrem gebrochenen Herzen. Zusammen mit ihrer Tochter liegt sie auf dem Ostfriedhof.

Mit ihr sind die Erinnerungen an das quirlige Mädchen gegangen, das von ihrer Mama immer „Mickymäuschen“ genannt wurde. Erinnerungen daran, wie wissbegierig Michaela war. Dass sie eine Schwäche für Marmeladenbrot mit Milch hatte. Und dass sie stets voller Vertrauen war. Vielleicht wurde das der Achtjährigen an ihrem Schicksalstag vor 40 Jahren zum Verhängnis. Zeugen, die das Kind mit einem Mann gesehen haben, beschrieben den Umgang als vertraut. Das Phantombild zeigte damals einen etwa 30-Jährigen mit vollen blonden Locken. Er könnte jetzt Anfang 70 sein. Michaela Eisch wird für immer acht Jahre alt bleiben.
NADJA HOFFMANN

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