Einer der Täter, die die Polizei bei ihrer Aktion in Polen festnehmen konnte. © Facebook (2), Hartmann (2)
Polnische Polizisten und Münchner Ermittler hoben das betrügerische Callcenter aus.
Sie prellen viele unserer Senioren jährlich um Millionen: Vom Ausland aus rufen kriminelle Banden täglich auch in München an und versuchen, älteren Menschen ihr Geld abzunehmen. Doch Polizei und Staatsanwaltschaft ist nun ein entscheidender Schlag gegen die Betrüger gelungen: In Polen konnten die Ermittler ein Callcenter der Banden ausheben und sechs Tatverdächtige festnehmen.
„Das Thema Schockanrufe beschäftigt uns bei der Polizei seit mehreren Jahren. Allein 2023 hatten wir einen Schaden von 3,22 Millionen Euro zu verzeichnen, der erbeutet worden war“, sagt der leitende Kriminalfachdezernent für Vermögensdelikte, Prof. Dr. Thomas Holzner. Aktenkundig seien 17 Betrugsfälle in acht Bundesländern, die durch die Polen-Bande verübt wurden – eine Handvoll davon in Bayern. „Die Geschädigten sind zwischen 56 und 92 Jahre alt“, so Thomas Schedel, Erster Kriminalhauptkommissar im Präsidium.
Kaum zu glauben: Der Tatort war eine ganz normale Wohnung. Dort hatten die Bandenmitglieder Computer, Handys und Sim-Karten gehortet, um mit ihrer typischen Masche zu betrügen. Beim Schockanruf wird dem Angerufenen erzählt, ein Familienmitglied hätte einen tödlichen Verkehrsunfall verursacht – nun sei Kaution fällig, damit der Angehörige nicht ins Gefängnis müsse. Eine dreiste Lüge! Die aber leider immer noch funktioniert. Denn oft verlieren die geschädigten Senioren ihr ganzes Vermögen, wenn sie ihr Erspartes an der Haustür aushändigen – im guten Glauben, die Polizei hole es ab. Tatsächlich sind es Komplizen der Betrüger, die oft nicht mal Deutsch sprechen. Meist werden nur sie geschnappt, wenn es zur Festnahme kommt. Doch dieses Mal konnten die Ermittler auch die Hintermänner festnehmen – sie koordinieren die Taten im Ausland, zu ihnen fließt die Beute.
„Ein großer Coup“, sagt Staatsanwalt Maximilian Beer. Denn die Schockanrufe sind seit dem Ermittlungserfolg bereits rückläufig – ihre Strukturen müssen die Banden erst wieder aufbauen. Empfindlich trifft die Kriminellen vor allem, dass auch sogenannte Keiler gefasst wurden. Sie wurden lange für ihre Rolle trainiert, die Anrufe zu tätigen und sich als Richter oder Staatsanwalt auszugeben.
Doch trotz des aktuellen Ermittlungserfolgs: Auszurotten ist die Masche des Schockanrufs kaum. Denn den Tätern ist bewusst, dass sie deutschen Ermittlern durch den grenzüberschreitenden Bezug die Arbeit schwer machen. Vor allem, weil die Banden im Ausland sitzen, sind sie so schwer zu fassen – und die Rechtshilfe zwischen beiden Ländern oft zu langsam. „Wir haben in diesem Fall von unserem nationalen und internationalem Netzwerk profitiert“, erklärt Thomas Schedel.
Die Täter (vier Frauen und zwei Männer) sitzen jetzt in Untersuchungshaft. Ihnen wird in Polen der Prozess gemacht!
ANDREAS THIEME