INTERVIEW

Bella Italia in Nymphenburg

von Redaktion

Graciela Cucchiaras kleiner Feinkostladen ist ein Stück Süden mitten in München

„Ich liebe es zu improvisieren“, sagt Graciela Cucchiara. Ihre Kreativität in der Küche schätzt auch Starkoch Tim Mälzer (Foto u. re.), mit dem Graciela befreundet ist. Oben ein Bild ihres Ladens an der Nymphenburger Straße. © Bodmer (2), Schmidt, Schlaf

Man braucht immer einen Plan B – im Leben und in der Küche, findet Graciela Cucchiara (68). Die Tochter italienischer Eltern kam in Buenos Aires zur Welt, lebte einige Jahre in Italien und eröffnete schließlich 2009 in München die „Kochgarage“ – bis Corona die Event-Gastronomie ausbremste. Plan B: ein kleiner, aber feiner Lebensmittelladen in der Nymphenburgerstraße 25. Mit ihrem Alimentari will Graciela „nostalgische Erinnerungen“ an Bella Italia wecken.

Frau Cucchiara, München wird ja gerne die nördlichste Stadt Italiens genannt. Können Sie das bestätigen?

Absolut, das Flair hier in München ist schon einmalig. Die Leute düsen mit der Vespa durch die Stadt. Es gibt die Bar Centrale, unzählige Pizzerien, Eisdielen – und mich (lacht).

Woher rührt Ihrer Meinung nach die große Liebe der Deutschen zu Bella Italia?

Ich glaube, dass Italien in vielen Köpfen mit einem Gefühl von Urlaub verbunden wird. Nicht umsonst sind Begriffe wie Dolce Vita oder Dolce far niente auch in Deutschland verbreitet.

Was gehört denn als Grundausstattung in jede Küche, wenn man sich den Geschmack von Italien nach Hause holen will?

Also ich habe in meinem Alimentari selbst schon die Erfahrung gemacht, dass die Deutschen auch bei 37 Grad im Schatten Lasagne essen können (lacht). Aber Spaß beiseite! Auf jeden Fall sollte in der Küche Parmesan oder ein anderes gutes Stück Hartkäse vorhanden sein, dazu ein gutes Olivenöl, ein gutes Brot und Tomaten. Die italienische Küche braucht nicht so viel Chichi. Sie ist auch mit wenigen Zutaten köstlich. Ich sage immer, dass die Bruschetta das beste Beispiel für vegane Küche ist. Eine geröstete Scheibe Brot, Tomaten und Olivenöl – fertig!

Muss man sich als Gastgeber also gar nicht so viele Gedanken machen?

Die Deutschen planen ja gerne. Aber spätestens seit der Pandemie haben wir gelernt, dass Pläne nicht immer aufgehen. Ich genieße die Freiheit in der Küche. Mein Kühlschrank ist immer voll, aber ich plane meine Einkäufe nicht. Ich gehe durch die Läden spazieren. Vor Kurzem habe ich zum Beispiel eine riesige grüne Paprika gekauft. Aber fragen Sie mich nicht wofür und auch nicht, wie viel sie gekostet hat (lacht).

Sie sind ja auch bekannt dafür, dass Sie keinen Wecker und keine Waage haben.

Das stimmt. Ich mache keine Termine vor elf Uhr vormittags. Das ist meine Art von Dolce Vita innerhalb einer geplanten Struktur. Wenn ich Zutaten abwiegen muss, kriege ich schlechte Laune. Deswegen sind Süßspeisen so gar nicht mein Ding. Ich esse sie nicht gerne. Und ich bereite sie auch nicht gerne zu. Beim Backen zum Beispiel sollte man sich schon an Mengen- und Temperaturangaben halten.

Sie haben als Musiktherapeutin, Klavierlehrerin und Grafikdesignerin gearbeitet. Eine klassische Kochausbildung fehlt allerdings in Ihrem Repertoire der Berufe.

Als ich sieben Jahre alt war, hat mein Vater mir zwei wichtige Sachen für eine Hausfrau zum Geburtstag geschenkt. Ein Mini-Bügeleisen – ich hasse bügeln bis heute – und das zweite war ein kleines Topf- und Pfannen-Set. Meine Oma kam aus Recanati in den Marken. Ich habe gedacht, okay, ich lerne kochen bei Oma. Also ich habe immer das, was Oma gekocht hat, in Mini-Portion selber gekocht und gegessen. Und dann kamen die Events. Meine Familie, also ich, meine Schwester, Papa und Mama und die Großeltern waren meine Versuchskaninchen. Mit unterschiedlichen Generationen am Tisch zu sitzen, gemeinsam zu essen und dabei zu plaudern – das ist der Grund, warum ich das Kochen liebe.

Ihnen geht es also vor allem um das gesellige Miteinander in der Küche?

Ja, ich bin keine Köchin im klassischen Sinne. Ein Koch in der Gastronomie hat normalerweise wenig Kontakt mit den Gästen. Aber mir geht es um die Gemeinschaft. Die meisten Gastgeber wollen schon die Blumen auf dem Tisch und das Essen in den Töpfen haben, wenn der Besuch vor der Tür steht. Aber es ist viel schöner, die Gäste zu überraschen, ihnen eine Schürze in die Hand zu drücken und erst einmal gemeinsam Zwiebeln zu schälen. Das ist eine tolle Erfahrung, den Perfektionismus mal über Bord zu schmeißen.

In der Kochgarage, die Sie 2009 mit Ihrer Schwester in München eröffnet haben, war das Ihr Erfolgsrezept.

Anfangs hatten wir damals weder einen Business-Plan noch ein Konzept. Aber nicht umsonst sagt man, dass jede Party in der Küche beginnt und dort endet. Schließlich waren wir dann eine der Ersten in Deutschland, die kulinarische Teambuilding-Events angeboten haben. Ich hatte in der Kochgarage hochkarätige Manager zu Gast, die vor drei balinesischen Grillgeräten auf dem Boden saßen und Sate-Spieße gebraten haben. Ich wollte auch nie wissen, wer der Chef und wer der Azubi war. Wenn sie die Schürzen umgebunden hatten, waren für mich alle gleich. Ich muss Spaß haben, um Spaß vermitteln zu können.

So wie im Fernsehen: Tim Mälzer hat Sie 2013 bei „The Taste“ quasi entdeckt und auch das Vorwort für Ihr Kochbuch „Mamma Mia: Italienische Rezepte mit Herz“ geschrieben.

Ich mag Tim sehr gerne. Er ist sich immer treu geblieben und trotz des großen Erfolgs bodenständig und geerdet. Er hat einmal über mich gesagt, ich sei ein Rohdiamant, an den kein Juwelier randarf, um ihn zu schleifen. Das hat mich sehr gerührt. Wir haben viel gemeinsam – wie Peperoncini und Chili. Wir lieben es, zu riechen, zu schmecken und spontan zu reagieren. Ein gemeinsames Projekt würde auf die Dauer nicht funktionieren.

Dann doch lieber eine eigene Koch-Show?

Ich wäre bereit! Ich stehe gerne vor der Kamera und habe überhaupt kein Lampenfieber. Aber ich passe nicht in alle Formate. Ich lasse mich nicht verbiegen. Alfred Biolek war immer mein Vorbild. Ich würde in meinem Alimentari gerne so wie er früher mit einem Gast kochen und plaudern.

Sie haben 2018 in Apulien ein Grundstück gekauft. Muss München befürchten, dass Sie eines Tages Arrivederci sagen?

Mein Hof in Apulien ist ein Paradies, aber auch eine halbe Baustelle (lacht). Ich habe vor Ort einen Bauern, der das Grundstück mit 155 Olivenbäumen bewirtschaftet und mein Olivenöl macht. Ich bin gerne in Italien, aber mein Heimatplanet ist München. Meine Vermieter sagen, dass ich in der Nymphenburger Straße schon zum Inventar gehöre.

Immerhin haben Sie Fans in allen Altersklassen, allein bei Instagram folgen Ihnen fast 100 000 Hobbyköche.

Tatsächlich sind es oft junge Leute, die sich bei Events oder im Laden mit mir fotografieren lassen. Vielleicht verbinden sie mit mir die Küche ihrer Mütter zu Hause. Da gibt es immer etwas zu essen und zu trinken, es duftet, und man fühlt sich willkommen.



SABINE SCHWINDE

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