„Wie geht’s?“, fragen wir, wenn wir Freunde treffen. Meistens geht es gut. Im schönen München sowieso. Obwohl es der Münchner mit dem Gehen gar nicht so hat. Er fährt lieber. Mit dem Auto, gern eine Nummer größer, mit dem Radl, notfalls mit dem MVV. Damit sie das Gehen nicht ganz verlernen, hat OB Hans Jochen Vogel selig seinen Münchnern anno 1972 extra eine Fußgängerzone gebaut. Aber ob gehen oder fahren – in München ist das eh alles eins, seit vor 200 Jahren der Lohnkutscher Franz Xaver Krenkl dem Kronprinzen Ludwig fahrend gezeigt hat, was geht – „Majestät, wer ko, der ko!“
Egal, ob er nun geht oder fährt: Ganz allein macht sich der Münchner selten auf den Weg. Meistens hat er eine Präpositon dabei. Er geht ins Lehel, nach Pasing, zum Frühschoppen. Nur auf geht er in bairischer Gemütsruhe eher selten. Das überlässt er dem Hefeteig, mit drei wichtigen Ausnahmen, die ebenfalls etwas mit Hefe zu tun haben: Da zieht’s ihn auf den Nockherberg, auf d‘ Wiesn und auf eine Halbe zum Wirt seines Vertrauens.
Noch mehr geht der Münchner, wenn er ihn denn beherrscht, nur im Dialekt auf. Wer ihm dann folgen will, muss die zur Präposition gehörende adverbiale Ergänzung kennen, sonst outet er sich als anbiedernder Zuagroaster. So fährt der wahre Münchner nicht nach Augsburg, sondern auf Augsburg umi und auf Regensburg auffi. In den Bayerischen Wald und in d’Jachenau geht’s hintre und – hier scheiden sich die Geister – nach oder auf Italien und Passau obi. Für Städte nördlich der Donau gibt es keine Regelung. Da fährt man eh nicht hin.
Wohin er geht beziehungsweise fährt, lässt sich der Münchner ungern vorschreiben. Das mag daran liegen, dass die Befehlsform „geh!“ schon in der Kindheit selten Gutes nach sich zog. „Geh auf dein Zimmer“ hieß es immer dann, wenn es spannend wurde. Oder, beim Monopoly: „Gehe in das Gefängnis!“ Und zwar direkt, nicht über Los. Selbst benutzt der Münchner die Befehlsform nur, um leise Ungläubigkeit auszudrücken: „A, geh!“
Das Internet hat alles verändert. Auf Schritt und Tritt hagelt es heute Befehle, in denen das Gehen seiner ursprünglichen Bedeutung als Mittel der Fortbewegung vollends beraubt ist. Und immer soll man aufgehen: „Gehe auf www.!“
Dazu braucht es einen Computer, der allen Regeln der Sprache und der Physik trotzt. Obwohl man ihn am Abend heruntergefahren hat, liegt er morgens immer noch auf dem Schreibtisch. Und man fährt ihn jetzt nicht etwa herauf, sondern hoch. Dann läuft er, ohne sich von der Stelle zu rühren, bis er, immer noch reglos, abstürzt. In der Zeit dazwischen kann man auf www. surfen. Leider längst nicht so elegant wie auf der Eisbach-Welle.
Zum Glück gibt es einen Ausweg aus der Welt der virtuellen Be-www.gung: Stecker ziehen und auf ein Ersatzprogramm umschalten. Meines heißt Wolfgang und ist ein leibhaftiger Mensch und ein guter Spezl. Auf meinem Alternativ-www – Wolfgang, Weißwürscht, Waldwirtschaft – bin ich zwar auch schon das eine oder andere Mal abgestürzt. Aber der Weg dahin hat sich immer gelohnt. lokales@ovb.net