MÜNCHNER FREIHEIT

Kalkutta liegt an der Isar

von Redaktion

Vorneweg: Ich liebe München. Oder ist es mittlerweile Hassliebe? Ich weiß es nicht. Sagen wir mal so: Auf der einen Seite die renaturierte Isar – ein Traum. Auf der anderen Seite, waren Sie schon mal an einem schönen Sommertag am Flussufer? Kalkutta ist ein Kindergeburtstag dagegen. Und kennen Sie den Radl-Highway an der Isar? Die reinste Kampfzone, die A9 ein Friedensgipfel dagegen. Sowieso bist du in München als Fußgänger die ärmste Sau. Und der ÖPNV? Au weh, Au weh!

Die Verkehrswende – sie steht in dicken Lettern auf der politischen Agenda der Stadtregierung. In Wirklichkeit ist sie so weit weg wie die Erde vom Mond. Vielmehr platzt die Stadt aus allen Nähten – und auch in den Bergen gibt es ja ein ständiges Wehklagen über den „Overtourism“. Wo also kommen bloß all diese Menschen her? Tja, ein simpler Blick auf die Bevölkerungsstatistik genügt: München hatte vor 20 Jahren 1,27 Millionen Einwohner, jetzt sind es 1,6 Millionen. 330 000 Menschen mehr – ganz Augsburg ist kleiner! Und wie jeder weiß, auch das Münchner Umland boomt.

Stadt- und Verkehrsplaner sind jedenfalls schon lange von der nackten Realität der Bevölkerungszahlen rechts überholt worden. Und so kommen wir zu einer weiteren großen Preisfrage? Wie viele der Zugezogenen haben als Verkehrsmittel nur Sackkarre und Drahtesel mitgebracht und wie viele möglicherweise doch ein Automobil? Tja, Antwort überflüssig.

Das (Baustellen-)Chaos ist alltäglich zu besichtigen. Auch in Wohnquartieren wie zum Beispiel bei mir im Glockenbachviertel, wo die Stadt unermüdlich bestrebt ist, die Verkehrssituation mit seltsamsten Umbaumaßnahmen zu verschlimmbessern. Sagen wir mal so: Marathonlauf der reinste Sprint im Vergleich zur Parkplatzsuche. Oder die Schäftlarnstraße in Sendling: Vor zehn Jahren noch überschaubar in der Verkehrsbelastung, ist sie mittlerweile die reinste Autobahn.

So, und jetzt eine weitere überraschende Erkenntnis: Der moderne Mensch ist bequem! Selbst wenn er kein Auto besitzt, beschäftigt er ohne Unterlass irgendwelche Lieferdienste und bestellt außerdem zigfach Ware im Internet. Und – Überraschung, Überraschung: Geliefert wird nicht mit der Sackkarre. Ganze Viertel werden tagein, tagaus überflutet von DHL, Amazon & Co., ganz abgesehen von den hunderten Handwerker-Fahrzeugen – und zwischendrin muss man aufpassen, nicht von Lastenfahrrädern oder Fahrradkurieren überrollt zu werden. Willkommen im verkehrsberuhigten Quartier!

Aber gut, das alles ist Jammern auf hohem Niveau. Denn – auch wenn Sie mich jetzt für verrückt halten: Ich liebe mein München, ich liebe den Sommer in der Stadt! Und irgendwie gehört der Trubel halt dazu. Oder sagen wir mal so: Kalkutta liegt an der Isar. klaus.vick@ovb.net

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