Schülerin Amelie N. hat die Petition initiiert.
Stadtschulrat Florian Kraus (Grüne) bei der Demo gegen Exen im April dieses Jahres.
Generationen von Schülern leiden unter unangekündigten Leistungsnachweisen. © Smarter Pics, J. Hartmann, Y. Thedens
Gerade erst hat der Landtag ein Exen-Verbot verhindert, doch die Stadt München rebelliert dagegen: Das Referat für Bildung und Sport hat nun städtischen Schulen empfohlen, auf unangekündigte Leistungsnachweise zu verzichten. 60 000 Schüler, Eltern und Unterstützer hatten zuvor mit einer Petition die Abschaffung von Stegreifaufgaben an bayerischen Schulen gefordert. Der zuständige Bildungsausschuss des Landtags hat die Petition aber am Donnerstag mit den Stimmen von CSU, Freien Wählern und der AfD abgelehnt. Die bei Generationen von Schülern verhassten Exen werden also nicht grundsätzlich verboten.
Generell gilt: Jede Schule kann selbst entscheiden, ob sie Stegreifaufgaben als Leistungsnachweis einsetzen will oder nicht. Aber: Ministerpräsident Markus Söder betonte mehrmals, dass er die Ex als höchst sinnvoll einschätzt. Bei vielen sorgte das für Kopfschütteln: „Wir sind fassungslos, dass unsere Petition jetzt einfach so abgelehnt und als erledigt abgestempelt wurde“, sagte die 17-jährige Schülerin Amelie N., die Initiatorin der Petition. „Für uns ist hier gar nichts erledigt.“ Sie will weiterkämpfen und hat die Grünen, Elternverbände und auch das Münchner Referat für Bildung und Sport auf ihrer Seite. Letzteres legt Schulen nahe, Lernstände auf andere Art abzufragen.
Auch Dominik Blanz, Rektor des Münchner Willi-Graf-Gymnasiums, möchte nicht, dass Exen als Druckmittel verwendet werden. „Wir haben im Kollegium lange diskutiert. Vor allem die Fremdsprachenlehrkräfte möchten die Exen unbedingt beibehalten, weil sonst die Vokabeln nicht regelmäßig gelernt würden.“ Dennoch gab es einen Appell ans Kollegium, verstärkt auf andere Möglichkeiten der Notenbeschaffung zu setzen, wie Referate. Blanz fragt auch, was die Alternative zu Exen wäre. „Wenn wir mehr angekündigte Kurzarbeiten schreiben, führt das eventuell zu noch mehr Druck bei den Schülern, denn die müssen nachgeschrieben werden. Das bedeutet, die Lehrer haben mehr Arbeit und die Schüler brauchen ein Attest im Krankheitsfall.“ Im Pasinger Elsa-Brändström-Gymnasium können ebenfalls „alle Lehrkräfte frei entscheiden, ob sie Exen schreiben lassen“, berichtet Schulleiterin Silke Karl. „Aber angekündigte Leistungsnachweise, wie Kurzarbeiten, sind auch schwierig. Die bringt man manchmal einfach nicht im Kalender unter.“
Letzteres umgeht man im Bertolt-Brecht-Gymnasium. „Wir haben in Absprache mit den Eltern, den AKSL (angekündigter kleiner schriftlicher Leistungsnachweis) eingeführt. Den muss man nicht nachholen im Krankheitsfall“, berichtet Schulleiter Andreas Heuberger. Einige Lehrer, zum Bespiel im Fach Latein, schreiben aber weiterhin Exen.
Der Dauer-Zoff: Im Herbst hatte Markus Söder bei diesem Thema sogar seine Kultusministerin eingebremst. Anna Stolz hatte für „zeitgemäße Prüfungsformen“ plädiert. Ute Eiling-Hütig (CSU), Vorsitzende des Bildungsausschusses im Landtag, schlug vor, eine „ergebnisoffene“ Diskussion zu führen. „Die Stärke unseres Bildungssystems liegt in der Balance der Leistungserhebungen, nicht in der Abschaffung bewährter Instrumente“, sagte sie.GABRIELE WINTER