Taucher suchen den Eisbach ab, um zu untersuchen, wie die Surferin (33) zu Tode gekommen ist.
Surf-Legende Laird Hamilton mit Reporterin Hanna Raif in München.
Münchner Surfer warten auf den nächsten Ritt. Mit Leinen sind die Bretter mit dem Körper verbunden. © Yannick Thedens
Gerade mal ein Kilometer Fußweg liegt zwischen dem Alten Hof am Marienplatz und der Eisbachwelle auf der Prinzregentenstraße. Und wenn Surf-Legende Laird Hamilton (61) – viele sehen ihn als einflussreichsten „Big Wave“-Surfer der Welt – zur Behandlung in der Praxis von Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt in München ist, gehört der Spaziergang dazu. Als einer von vielen Schaulustigen stand Hamilton also diese Woche auf der Brücke. Er beobachtete das bunte Surf-Vergnügen, das seit vergangenem Freitag wieder erlaubt ist. Und er machte sich Gedanken darüber, wie der Tod der 33 Jahre alten Surferin im April zu verhindern gewesen wäre. Seine Message an München: „Weg mit den Leinen!“
Im Gespräch mit unserer Zeitung nutzt Hamilton den Fachbegriff „Leash“, so nennt man die Verbindung, die die meisten Surfer zwischen ihrem Board und ihrer Fußfessel angebracht haben. Seit der Freigabe der Welle am Freitag sind sogenannte „quick release“, also selbstöffnende Leinen, Pflicht: Sie können über einen Mechanismus im Gefahrenfall vom Surfer selbst mit einem Handgriff geöffnet werden. Hamilton allerdings sieht mit Blick auf die Gegebenheiten an der legendären Münchner Welle sogar weiteren Regel-Bedarf der Stadt. Verzichtet man ganz auf die Leinen, könnte man eine Wiederholung der Tragödie ausschließen: „Dass sie gestorben ist, sollte die anderen schützen. Man sollte diese Lektion lernen.“
Auch wenn der genaue Unfallhergang nicht eindeutig geklärt werden konnte, geht man von einem Phänomen aus, das Hamilton im Surf-Jargon „Tombstone“ (zu deutsch: Grabstein) nennt. Wenn das Brett unter Wasser gehalten wird, zieht die Leash den Surfer in der Strömung nach unten. „Wenn man einmal da drin ist, hat man keine Chance“, sagt Hamilton, der Tragödien dieser Art bereits in Malibu und auf Hawaii miterlebt hat.
Auf großen Gewässern sind Leashes essenziell, im Eisbach aber ginge es genauso gut ohne, sagt er: „Meine Worte werden den Surfern nicht gefallen, weil es natürlich anstrengender ist, das Board ohne Leine aus dem Eisbach zu ziehen.“ Sein Vorschlag: „Entweder man wechselt sich ab dabei, die Bretter zu holen. Oder man nutzt es gleich als Workout: Lauft zu eurem Brett – holt es raus.“ Das wäre die sicherste Variante für alle, und: „Man würde sogar besser surfen lernen ohne Leine, denn man muss noch mehr Kontrolle über sein Board haben“, sagt er.
Der 61-Jährige hat sich viele Gedanken gemacht. Ein weiterer Vorschlag: „Warum stellt man keinen Rettungsschwimmer ab? Gebt doch jungen ausgebildeten Leuten diesen Job!“ Außerdem sieht er die Möglichkeit, die Welle mit „minimalen Anpassungen“ am Boden und an den Seiten noch deutlich attraktiver und sicherer zu gestalten. Immer wieder denkt er daran, was er gemacht hätte, wäre er in jener tragischen April-Nacht vor Ort gewesen. Weil er aber nicht da war, will er nicht urteilen, sondern sagt nur, was bitte jeder hören soll: „Es wäre vermeidbar gewesen – und zwar ohne Leine.“HANNA RAIF