MÜNCHNER FREIHEIT

In 40 Tagen ums eigene Viertel

von Redaktion

Wann immer ich im Leben schon mal etwas Neues angefangen habe, konnte ich mich auf meinen Freund G. verlassen, der mir dann Hermann Hesses Worte zuflüsterte: „… und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne.“ Mittlerweile ist der Satz Mainstream und ich würde mich nicht wundern, wenn mir auf der kommenden Wiesn die Bedienung meine Mass hinstellt, mit den Worten: „Prost beinand, weil jeder frischen Mass wohnt ein Zauber inne“.

In einem Stadtviertel wie dem meinen ist der Zauber nicht immer sofort zu erkennen, vor allem für die Ureinwohner. Wenn ein Geschäft schließt, sieht man einen möglichen Zauber eines Neuanfangs nicht sofort, und wenn eine Bautafel die nächste Nachverdichtung ankündigt, rufen auch nicht alle „Neue Leute, neuer Zauber!“

Aber jetzt gibt es eine gute Nachricht für alle leidenschaftlichen Kulturpessimisten: Die Kinder entdecken ihr Viertel neu. Denn: Bei uns läuft aktuell die Aktion „Kreuz und quer“ der Stadt München. Möglichst viele Kinder sollen radelnd, rollernd oder laufend möglichst viel durchs Stadtviertel gurken und Kilometer sammeln – per Chipkarte, die sie an Lesegeräte halten, die überall im Viertel verteilt sind. Etliche Stadtviertel haben da schon mitgemacht, ganz oben in der Rangliste steht Sendling und Sendling-Westpark wo Kinder und Jugendliche in 43 Tagen 104 911 Kilometer zurückgelegt haben.

Es spielen sich bemerkenswerte Szenen ab: Fast grußlos bricht mein Sohn samstagmorgens mit seiner Chipkarte auf und sammelt Kilometer; Neunjährige jonglieren mit neuen Straßennamen wie Max-Mustermann-Straße oder Lieschen-Müller-Straße, als hätte es sie immer schon gegeben und als würden sie eine Ausbildung zum Taxifahrer machen; und als ich einmal mit meinem Sohn sammeln war, meinte eine Frau in einem einsamen Häuschen am Ende einer Sackgasse vor dem Wald: „Es ist schön. So viel war hier noch nie los!“ Tatsächlich: Ein bisschen Zauber von was Neuem!

Nach wochenlanger Sammelwut steht unser Stadtviertel bei knapp 98 000 Kilometern, zu denen mein Sohn über 1000 beigetragen hat – unter anderem mit einem mit Tesafilm aufgeklebten Stadtplan auf dem Lenker, mit dem er durch das Viertel navigierte. Andere Eltern haben ihre Kinder in den letzten Wochen nur zum Frühstück und Zähneputzen gesehen und sogar 6000 Kilometer gesammelt. Und doch ist jetzt alles in Gefahr: Ausgerechnet die besten Sammler wie V., Q. und L. fahren in dieser Woche ins Schullandheim. Kann es ein Zufall sein, dass die besten Kilometersammler kurz bevor sie Sendling den Rekord wegschnappen, verreisen müssen? Und wenn es die erste Verschwörungstheorie ist, an die ich glaube: Das kann nur an Sendling liegen!

In jedem Fall kennen sich jetzt viele Kinder ein Vielfaches besser aus im Stadtviertel, Hunderte Kinder können morgen als Taxifahrer anfangen. Wie man hört, überlegt die MVVG schon, ein ähnliches Spiel mit U-Bahnen und Bussen anzubieten, Sie wissen schon Fachkräftemangel, da müssen halt die Kinder ran. Wenn in den Sommerferien weniger auf den Straßen los ist, sollen in der Aktion „BUSt Du bereit?“ Kinder mit abgeschlossener Fahrradprüfung als Nachwuchsbusfahrer eingesetzt werden. Die Regeln: Der Bus hält, wann und wo er mag, an Bord gibt’s eine Eismaschine und während der Fahrt läuft Benjamin Blümchen. Liebe MVG, probiert es aus: Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne!

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