MÜNCHNER FREIHEIT

Die Rumpelkammer der Sehnsüchte

von Redaktion

Es gibt Träume, die mich seit meiner Kindheit begleiten, um nicht zu sagen: verfolgen. Der Schokoladenbrunnen zum Beispiel, von dem in der ersten oder zweiten Klasse ein Mitschüler schwärmte. In seiner Begeisterung gelang es ihm nicht, das Ding halbwegs anschaulich zu beschreiben. Aber das machte diesen Brunnen für uns nur noch geheimnisvoller, gab Fantasie und Sehnsüchten süße Nahrung. Ein Schokoladenfluss, der nie versiegt – was ich über das Paradies gelernt hatte, schien dagegen ein müder Abklatsch.

Jahrzehnte später bekam ich einen solchen Schokoladenbrunnen in natura zu sehen – und war enttäuscht. Der Brunnen viel kleiner als in meinen Kindheitsträumen, in denen ich mit einer gewaltigen Arschbombe ins süße Meer der Genüsse gehüpft war, die Schokolade weniger süß, das Ganze nach zwei Stunden Laufzeit nicht mehr wirklich appetitlich. Es war der Moment, in dem ich mich von diesem Kindheitstraum verabschiedete.

Neulich rüttelte ein Schreckensruf der besten Ehefrau von allen die Erinnerung noch einmal wach. Und zwar, als der Kaffeeberg einstürzte. Ich muss da etwas ausholen: Ich trinke meinen Kaffee „french press“: Das grob gemahlene Pulver wird in einem Glaszylinder aufgebrüht und dann mit einem Siebstempel nach unten gedrückt. Man gießt den Kaffee ab und kann den Kaffeesatz später entsorgen. Nur: wohin? Der Spülenabfluss reagierte mit Verstopfung, gegen den Biomülleimer legte meine Frau ein Veto ein: „Das ist viel zu nass, dann weicht der Beutel durch und ich hab die Sauerei im Eimer!“ Also sammle ich die Brösel-Pampe in einem Teller, wo sie vortrocknen kann. Regelmäßig – eine Ladung geht noch – wächst auf diesem Teller ein Kegel aus Kaffeesatz heran. Besagter Schrei nun entfuhr meiner Frau, als eine Flanke dieses Kegels kollabierte und sich auf die Anrichte ergoss. Ein Anblick wie nach der Explosion des Mount St. Helens vor 25 Jahren. Fehlt nur noch, dass sich Cappuccinoströme den Hang hinunterwälzen und Espressofontänen aufsteigen, schoss es mir durch den Kopf.

Und schon bohrte sich dieses Bild in mein Hirn: Ein Kaffeevulkan auf der Terrasse, gleich neben dem Grill, im Sommer auf Eiskaffee und im Winter auf Irish Coffee umschaltbar.

Eine wohlvertraute Stimme riss mich aus meinen Träumen. „Die Sauerei machst du aber weg!“, befahl sie, und für meine Kaffeevulkan-Idee hatte sie wenig übrig: „Im Freien! Was da alles reinfällt. Und was ist, wenn Tiere davon trinken?“

Ein berechtigter Einwand. Ich stellte mir vor, wie die Wespen im Rollokasten, die friedlich mit uns koexistieren, im Koffeinrausch als tödliche Armada über uns herfallen, und wie das in der Hecke brütende Rotkehlchen zugedröhnt und flatterhaft zu seinem Nest düst, um dort als schneller Brüter seine Eier hartzukochen. Vor allem aber fiel mir der Kanon von Carl Gottlieb Hering ein, der schon 1846 vor exzessivem Genuss des „Türkentranks“ gewarnt hat. „Schwächt die Nerven, macht dich blass und krank“, heißt es in dem Kanon. Und ich weiß: Wenn der Kaffeevulkan erst einmal sprudelt, geht es mir wie Oscar Wilde. Ich kann allem widerstehen, nur der Versuchung nicht.

Ich werde den Kaffeevulkan in die Rumpelkammer meiner Sehnsüchte legen und dabei den Schokobrunnen und so manches andere, was sich dort angesammelt hat, nach hinten schieben. Es muss ja noch Platz sein für neue unerfüllte Träume.

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