Das von Kugeln durchsiebte Fluchtauto.
Die beiden Bankräuber Dimitri Todorov (li.) und Hans Georg Rammelmayr damals. Rammelmayr starb durch Polizeischüsse. Die Geisel Ingrid Reppel (re.) starb ebenfalls. © dpa (3)
Dimitri Todorov in der Sendung „Lebenslinien“. In der Doku besucht er ein Gefängnis. © Nikola Krivokuca
„Ich war ein braves Kind“ – das sagt der Münchner Dimitri Todorov (78) in einer neuen Dokumentation. Und: „Als Kind war ich sicherlich nicht unglücklich.“ Wie es dennoch dazu kam, dass er einer der beiden Köpfe des blutigen und missglückten Banküberfalls in der Prinzregentenstraße im Jahr 1971 wurde – dem geht die neue Folge „Ich wollte Gangster werden“ der Sendereihe „Lebenslinien“ auf den Grund, die am 21. Juli im BR Fernsehen (22 Uhr) zu sehen ist. Der Überfall ging in die Geschichte ein: als erster mit einer Geiselnahme in der Bundesrepublik – der obendrein noch live im Fernsehen gezeigt wird.
In München-Giesing in einer zerrissenen Familie aufgewachsen, jagt Dimitri Todorov als Jugendlicher Träumen von filmreifer Kriminalität nach. Auch eine Strafe im Jugendgefängnis bringt ihn nicht davon ab. In der Doku erzählt er: „Als Jugendlicher war mein Berufswunsch Gangster.“ 1971 überfällt er mit einem Komplizen eine Filiale der Deutschen Bank in der Prinzregentenstraße in München. Sie bringen 18 Geiseln in ihre Gewalt und fordern zwei Millionen Mark.
Der Plan endet nach dem Zugriff der Polizei in einem Blutbad. Todorovs Komplize Hans Georg Rammelmayr und eine Geisel, die Bankangestellte Ingrid Reppel, kommen bei einer Schießerei ums Leben. Todorovs Urteil: lebenslänglich. Mit Unterbrechung wird er 21 Jahre und acht Monate im Gefängnis sein. Ehrlich und reflektiert gibt Todorov heute zu: „Der Plan war richtiggehend absurd.“ Und später: „Ein guter Gangster war ich nicht.“
Trotz der langen Haft gibt er nicht auf. Er macht Abitur, studiert Sozialwissenschaften und durchlebt eine persönliche Transformation, die ihm hilft, die Zeit der Einsamkeit zu überstehen. Heute ist Todorov lange ein freier Mann. Nach einem Leben geformt von Schuld und Scham und der Suche nach Identität, lebt er bescheiden und unauffällig in Giesing. Sein Fazit: „Freiheit ist eine Utopie. In Wirklichkeit lebt man in einem festen Rahmen.“
Das alles zeichnen die Lebenslinien detailliert nach: anhand von Fotos, Fernsehausschnitten, Treffen mit Weggefährten, etwa dem Anwalt oder einem Mithäftling. Auch Konstantin Wecker hat einen Auftritt. In den Interviews ist Todorov oft nachdenklich. Am Ende sagt er: „Einen Tod kann man nicht entschuldigen. Das Schuldbewusstsein bleibt.“NINA BAUTZ