Ihr Partner zweifelt, ob es die neue Küche wirklich braucht? Die Partnerin schielt missmutig auf das Preisschild der smarten Sportuhr, auf die Sie ein Auge geworfen haben? Kein Problem. Sagen Sie einfach, das sei nachhaltig. Das erstickt jede Diskussion im Keim. Nachhaltigkeit ist das Gebot der Stunde. Dabei ist das Prinzip uralt, von der Natur erfunden, lange bevor es Menschen gab.
Wir haben in diesem Land, bevor der Luxus über uns kam, sogar einmal nachhaltig geschenkt. Meine Großmutter hat erzählt, dass in ihrer Kindheit unterm Christbaum oft Wohlvertrautes lag. Einmal entdeckte sie das Dreirad, das irgendwann im November verschwunden war, mit neuem Anstrich, ein andermal die seit Wochen vermisste Lieblingspuppe mit neuem, selbstgenähtem Kleid. Was hätten die Eltern auch anderes tun sollen, als Geschenke zwei- oder dreimal unter den Baum zu legen? Für Neues fehlte das Geld.
Es scheint, als wolle die Politik im Zeichen der neuen Nachhaltigkeit an diese Zeiten anknüpfen. Bundeskanzler Friedrich Merz zum Beispiel hat jetzt die von der alten Bundesregierung zugesagten Fluthilfen für Bayern noch einmal aus dem Hut gezaubert: als Gastgeschenk zu seinem Auftritt bei der Kabinettssitzung auf der Zugspitze. Und der alte Sparfuchs aus dem Sauerland setzte noch eins drauf: Statt das, was sein Vorgänger bereits versprochen hatte, zum zweiten Mal unters Bäumchen zu legen – oder in diesem Fall wohl eher unters nachgemachte Gipfelkreuz – hat er es nur nachhaltig vorgezeigt und versprochen, er werde mit Finanzminister Lars Klingbeil darüber reden. Wetten, dass der Genosse die Fluthilfe demnächst in neues, diesmal wieder rotes Geschenkpapier wickelt, um es zum dritten Mal mit großer Geste zu überreichen? Bei jedem Ein- und Auspacken, so steht zu befürchten, wird das Geschenk ein bisserl kleiner. Aber nachhaltiger geht’s wirklich nicht.
Obwohl: Wie oft Terminankündigungen für die Inbetriebnahme der Zweiten Stammstrecke oder des Stellwerks Ost meine Hoffnung auf ein Ende des Schienenchaos wachsen ließen, kann ich nicht sagen. Irgendwann habe ich aufgehört zu zählen. Und mit der Aussicht auf Steuererleichterungen bin ich schon so oft reich beschenkt worden, dass mir ganz schwindlig ist. Meine Steuerlast ist währenddessen nachhaltig gewachsen.
Das System funktioniert so gut, dass ich einen Moment lang darüber nachgedacht habe, der besten Ehefrau von allen zum anstehenden Geburtstag diesen schönen Bildband über Florenz zu schenken, den ich neulich beim Stöbern ganz hinten in der zweite Reihe des Bücherregals gefunden habe. Ich glaube, das war mal ein Weihnachtsgeschenk – von mir an sie. Ich habe den Gedanken schnell verworfen, denn ich weiß: Sie würde mir draufkommen. Und die Folgen wären wirklich nachhaltig.
Ich werde also ein neues Geschenk finden müssen. Bundeskanzler müsste man sein.
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