Sparen ist das Gebot der Stunde. Wir sparen Energie, Ressourcen und Kohlenhydrate. Die Politik spart sich das mühsame Ringen um Konsens und posaunt jede Idee sofort via Facebook, X und Co. in die Welt hinaus. Und der Anführer der mächtigsten Nation der Welt spart sich die Politik gleich ganz und zieht eine erratische Ego-Show ab. Weniger, so scheint es, ist das neue Mehr. Umso mehr, als uns bei allem Sparen immer weniger im Geldbeutel bleibt.
Diesem Trend will sich die Lebensmittelindustrie nicht verschließen. Wir haben uns schon fast daran gewöhnt, dass die Preise wachsen wie Schwammerl nach dem Regen und dass in den Packungen die Schwindsucht grassiert. Die in grellen Farben aufgedruckte Botschaft „Neue Rezeptur“ verheißt längst nichts Gutes mehr. Ließ solch eine Ankündigung früher die Hoffnung auf noch besseren Geschmack aufkeimen, so wissen wir heute dank Stiftung Warentest und Verbraucherzentralen, dass oftmals nur wertvolle Inhaltsstoffe durch billige Füllmasse ersetzt worden sind.
Das System der schleichenden Verteuerung, so schien es mir, sei in den vergangenen Jahren bis zur Perfektion entwickelt worden. Doch nun hat sich meine Tochter zu Besuch angekündigt, und ich habe ihr Lieblings-Schokomüsli gekauft. Seitdem weiß ich: Da geht noch mehr in Richtung weniger. Viel mehr.
Seit dem Kauf der letzten Packung, der so lange nicht zurückliegt, hat sich der Preis um exakt ein Drittel erhöht. Dafür enthält die Packung nun statt 600 Gramm nur noch 400 Gramm Müsli. Also exakt ein Drittel weniger – ein Schelm, wer böses dabei denkt.
Dass sich der Kilopreis damit glatt verdoppelt hat, wird nicht wie so oft schamhaft verschwiegen – im Gegenteil: „Weniger Inhalt. Unveränderte Qualität“, meldet ein fettgrüner Aufdruck auf der Packung. Nun grüble ich, was mir der Hersteller damit sagen will. Soll ich dankbar sein, dass das Müsli nur teurer und nicht schlechter geworden ist? Wäre die Alternative zum Mengenschwund gewesen, dass statt Haferflocken Sägespäne in der Müslischüssel landen? Oder bereitet mich die Botschaft auf die nächste Kampagne vor: Unveränderte Packungsgröße, jetzt aber mit pestizidbelastetem Billigkakao aus garantiert klimaschädlichem Anbau mit Kinderarbeit?
Um mir den laut vollmundigem Packungsaufdruck „unfassbar leckeren Mix“ der Müslimischung schmackhaft zu machen, versichert der Hersteller: „Wir fördern Familie.“ Wahrscheinlich die Familie des Konzerngründers. Meine Familie sehe ich eher geschröpft. Und auf die Beigabe von Magnesium, das „zur Verringerung von Müdigkeit und Ermüdung beiträgt“, könnte ich gern verzichten. Zwar finde ich das andauernde Preis-rauf-Inhalt-runter-Spielchen allmählich wirklich ermüdend, aber angesichts solch dreister Abzocke bin ich hellwach. Ich denke, ich werde morgen nach dem Frühstück ein ernsthaftes Vater-Tochter-Gespräch führen müssen. Es wird um Müsli gehen. Kein einfaches Thema.