Inflation auf dem Friedhof

von Redaktion

Ingrid Vogt (88) rechnet vor: Mein Tod kostet 5800 Euro

Anonymes Gräberfeld auf dem Waldfriedhof. Hier würde auch Ingrid Vogt (Foto oben) gerne bestattet werden.

Ingrid Vogt will für ihren Tod vorsorgen, aber die hohen Kosten machen sie fassungslos. © Jens Hartmann, Oliver Bodmer

Ingrid Vogt haut so schnell nichts um. Als eine der ersten Busfahrerinnen der Stadt manövrierte sie 30 Jahre lang dicke Brummer durch München. Doch beim Blick auf ihren Bestattungsvorsorgevertrag fällt die 88-Jährige aus allen Wolken: 5800 Euro soll sie bezahlen – für eine anonyme Urnenbestattung!

„Ich wollte mich absichern, weil ich niemanden habe“, sagt die Münchnerin. Da ihre Rente klein ist und sie auch nicht viel Aufhebens um ihr Ableben machen will, entschied sich Vogt für „das Einfachste, was es gibt“: eine Feuerbestattung mit Beisetzung in einem anonymen Gräberfeld auf dem Waldfriedhof, wo auch ihr Mann beerdigt ist. Bei dieser Bestattungsart findet die Beisetzung auf einer Wiese statt, ohne Feier, ohne Angehörige. Die Gräber sind optisch nicht erkennbar.

Bereits 2019 unterschrieb Vogt einen Bestattungsvorsorgevertrag. Kosten: 3200 Euro. Nicht gerade günstig, fand sie, aber in Ordnung. „Die Kosten waren höher als damals bei meinem Mann, aber schließlich ist ja alles teuer geworden.“ Sie überwies 2800 Euro – die verbleibenden rund 400 Euro sind im Vertrag als Kostenpuffer zur „Abdeckung eventueller Preissteigerungen“ angegeben.

So weit, so gut. Doch als sich Vogt Ende 2024 bei der Verwaltung telefonisch nach ihrem Vertrag erkundigte, hatte sie eine böse Vorahnung. „Der Mitarbeiter hat gesagt, es ist möglich, dass es eine Unterdeckung gibt, weil es Änderungen bei den Kosten gab.“

Im März stand das Ausmaß der Erhöhung dann schwarz auf weiß in einem „aktualisierten Bestattungsvorsorgevertrag“: Ihr Vertrag weise einen Fehlbetrag von 2990,11 Euro auf. Die Gesamtkosten belaufen sich auf 5800 Euro. „Ich war fassungslos“, sagt die Münchnerin. „In dem neuen Vertrag sind Kosten aufgeführt, die mir überhöht und unnötig erscheinen – eine zweite Leichenschau. Wozu?“ Vogt müsste auf ihr Erspartes zurückgreifen. Geld, das sie aus gesundheitlichen Gründen zu Lebzeiten brauchen werde. Sie trat vom Vertrag zurück.

Der neue Vertrag von 2025 weist einige Änderungen auf. Beispiele: Die Kosten für den Sarg stiegen von 345 Euro auf 595 Euro. Geld, das auch Vogt bezahlen muss, obwohl sie eine Feuerbestattung will. Denn der Transport und die Einäscherung von Verstorbenen darf in Deutschland nur in einem Sarg erfolgen. Die Ausgaben summieren sich: Sargpolster (von 40 auf 89 Euro), Hemd (von 35 auf 54 Euro), Einsargung (von 115 auf 189 Euro) und Urnentransport/-versand (von 30 auf 58 Euro) kosten mehr. Dazu kommen gestiegene Auslagen und amtliche Gebühren, wie: ein Anstieg der Kosten für die „Einäscherung mit Urne und Urnenbeschriftung“ von 269 Euro auf 486 Euro und für die „Verwaltung des Vorsorgevertrags“ (von 125 auf 249 Euro). Die einmalige Gebühr für ein anonymes Gräberfeld beläuft sich auf 940 Euro. Diese hieß 2019 laut einem Sprecher der Städtischen Friedhöfe München 2019 noch „evtl. Grabverlängerung zur Wahrung der Ruhefrist“ und betrug 450 Euro.

Der Tod ist teurer geworden: Seit 1. Juli 2024 gelten in München neue Grabnutzungs-, Verwaltungs- und Beisetzungsgebühren. Preiserhöhungen gab es sowohl bei den Städtischen Friedhöfen (Grabnutzung, Graböffnung, Beisetzung, etc.) als Eigenbetrieb der Stadt als auch bei den beiden gewerblichen Dienstleistern, Krematorium (Einäscherung, Leichenschau, etc.) und Städtischer Bestattung (Sarg, Urne, Auslagen, etc.). Nach jahrelanger Preisstabilität hätten Kostensteigerungen für Energie, Personal, Material und Rohstoffe, aber auch Ereignisse wie Flüchtlingswellen, Corona-Pandemie und Ukrainekrieg und die damit verbundenen wirtschaftlichen Auswirkungen zu diesen Anpassungen geführt. „Des Weiteren kam zum 1. April 2025 zusätzlich noch die Einführung der gesetzlich verpflichtenden zweiten Leichenschau dazu, die es vorher nicht gegeben hatte.“ Statt 200 Euro sind hier jetzt 400 Euro fällig.

Dabei sei die Bestattung im anonymen Gräberfeld (in München) nicht die günstigste Bestattungsart. „Zumindest hier ließe sich mit einer Beisetzung in einem Urnenerdgrab in der zweiten Reihe und der Mindestruhezeit von 10 Jahren rund 400 Euro sparen“, so der Sprecher. Bei einer „Gitternische“ sogar 500. Aber: Alle anderen Leistungen, wie Verwaltungsgebühren, Transport des Leichnams, Einäscherung, Öffnen und Schließen des Grabes, sowie die Beisetzung fallen weiterhin an.

Nach oben hin gebe es preislich hingegen kaum Grenzen. „Hier ist wirklich alles möglich. Das kann weit in den fünfstelligen Bereich gehen.“DANIELA POHL

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