MÜNCHNER FREIHEIT

Ein unentbehrlicher Besuch

von Redaktion

Schon lange versuche ich, ihn jedes Jahr zu treffen, bei festlichen Anlässen wie Jubiläen oder Kunstpräsentationen sogar öfters – und jedes Mal bin ich von seinem Lebenswillen, seiner Lebenskraft und seiner Lebensfreude schier überwältigt. Ja, man kann kaum begreifen, dass ein Mensch mit dieser Ausgangslage überhaupt überleben, 45 Jahre alt werden, auf sein Werk stolz sein kann und ständig weitere Projekte ausbrütet, die ihm selbst Freude und unzähligen anderen Menschen Mut machen.

Ich spreche von Phil Herold. Er wurde vor 45 Jahren in der Maxvorstadt geboren. Seine Eltern hatten dort einen Gemüseladen. Die Schauspielerin Gisela Schneeberger wohnte in der Nachbarschaft, bekam etwa zur gleichen Zeit auch einen Philipp. Die beiden Babys wurden nebeneinander von ihren Müttern im Kinderwagen herumgeschoben, manchmal bis zum Englischen Garten. Nur langsam wurde klar, dass sie extrem unterschiedliche Lebensläufe haben würden. Philipp als Zögling einer Juristenfamilie vermutlich eine akademische Laufbahn. Phil mit einer unheilbaren Krankheit und kürzester Lebenserwartung vermutlich nur eine Leidenszeit. Seine Diagnose: spinale Muskelatrophie. Überhaupt keine Kraft, keine Beweglichkeit. Er konnte nur ein, zwei Finger bewegen, sonst nichts. Brauchte ein Beatmungsgerät, um überhaupt Luft zu schöpfen. Immer die volle Hingabe seiner Eltern, Pflege rund um die Uhr.

Gerne erinnere ich mich an seinen 40. Seinen Redetext hatte er in den Computer getippt, der Computer hat ihn in Töne transformiert. Da erinnerte er an seine Prognosen und meinte spöttisch, er sei sich nicht sicher, ob alle circa 100 Gäste mit ihrem teilweise schon fortgeschrittenen Alter beim 60. noch mitfeiern können. Frech wir Oskar.

Selbst wenn man nur einen Finger bewegen kann, kann man noch eine Tastatur bedienen. Also auch Texte schreiben und vor allem Computerkunst schaffen. Das tut er – kreativ und unermüdlich. „Pop Art Revolution“ steht an seinem Atelier. In den USA ist er wohl noch bekannter als in seiner Heimat – und zu seinem Käuferkreis gehören ganz große Namen der Musikwelt, des Films und des Fußballs. Er kennt, man glaubt es kaum, Dankbarkeit als anhaltendes Gefühl. Was er alles bewirken und zustande bringen und erleben durfte, von den Eltern natürlich, von Pflegern, von Freunden, von Bewunderern.

Beim ersten Besuch habe ich mich ein wenig vor der Begegnung gefürchtet: Wie sollte man Anteilnahme äußern, ohne damit auch auf die Nerven zu gehen. Inzwischen weiß ich: Er freut sich auf Besuch, auf Kommunikation, und sagt schon, was er will.

Gisela Schneeberger hatte den Termin ausgemacht, weil er uns noch vor seiner USA-Reise sehen wollte. Giselas Freundin und Kollegin Ilse Neubauer brachte es auf den Punkt: „Da traut man sich überhaupt nicht mehr, über irgendwas zu klagen.“ Vielleicht gibt es doch in unser aller Leben viel mehr, wofür wir dankbar sein könnten.